Der Komponisten Mut und die Tyrannei des Geschmacks / Hrsg. von Bálint András Varga [Rüdiger Albrecht]

Der Komponisten Mut und die Tyrannei des Geschmacks / Hrsg. von Bálint András Varga. – Hofheim: Wolke, 2016. – 224 S.: Namensreg.
ISBN 978-3-95593-071-4 : € 24,00 (kart.)

Verschriftlichte Gespräche gehören zu den intimsten sprachlichen Äußerungen eines Komponisten. Beabsichtigt der Urheber einer Werkeinführung in der Regel, die Hörerwartung zu kanalisieren, sind Texte zu musikalischen Fragen im ungünstigsten Fall mit einem Panzer aus Arroganz und Sendungsbewusstsein ummantelt, hinter dem sich nicht selten eine Verletzlichkeit zu verbergen weiß. Die Dialogsituation eines Gesprächs bietet dem Komponisten dagegen die Möglichkeit, seine Persönlichkeit im schützenden Vertrauen auf den Gesprächspartner zu öffnen. Zwei viel beachtete Bücher mit Komponistengesprächen sind vor bald 50 Jahren erschienen: Während Ursula Stürzbecher in den Werkstattgesprächen[n] mit Komponisten aus dem Jahre 1971 rein musikalische Fragen in das Zentrum der Portraits rückte, stellte Hansjörg Pauli im selben Jahr die Frage: Für wen komponieren Sie eigentlich?: eine Frage, die – in der damaligen 1968er-Ära eine Gretchenfrage – auf die politische Relevanz des Komponierens abzielte. Bálint András Varga, Jahrgang 1941, war anfangs beim ungarischen Rundfunk, dann knapp zwanzig Jahre als Promotion Manager bei der Editio Musica Budapest tätig. Nach zwei Jahren als Leiter des Ungarischen Kulturinstituts in Berlin arbeitete er bis zu seiner Pensionierung bei der Universal Edition in Wien, wieder im Promotion Management. Seit den 1970er Jahren führte er mit zahlreichen Komponisten (auch Journalisten und Musikwissenschaftlern) Gespräche und Interviews, aus denen mehrere Bücher hervorgegangen sind. Neben den zum Teil mehrfach erweiterten Publikationen über Iannis Xenakis, Lutold Lutosławski, Luciano Berio und György Kurtág war es zuletzt der 2014 in deutscher Sprache erschienene Gesprächsband Drei Fragen an dreiundsiebzig Komponisten (s. Rez. info-netz-musik), dessen Vorarbeiten bis in die späten 1970er Jahre zurückreicht. Statt das Gespräch auf die Gedankenwelt der jeweiligen Interviewpartner zurechtzuschneiden, entwickelte Varga hier drei Themen, die seiner Meinung nach den Kern des künstlerischen Schaffens berühren: erstens die Frage nach einem musikalischen Initialerlebnis, die Frage nach der Beeinflussung durch Klänge der Umwelt und schließlich die Frage nach einem persönlichen Stil. Dieses Verfahren ermöglichte es dem Autor, den Blick der zu befragenden Komponisten auf einen eng definierten Fokus zu lenken und Selbststilisierung nach Möglichkeit zu vermeiden.
Das neue Buch greift das Verfahren der Drei Fragen … auf. Die nunmehr nur noch zwei Fragen zielen nicht mehr auf das Zentrum des kreativen Impulses. Sie gelten den inneren und äußeren Barrieren, denen ein Komponist (im Grunde jeder Künstler) ausgesetzt ist: dem Mut, in unbekannte Bereiche vorzustoßen, Grenzen zu überwinden, also einer inneren psychologischen Hürde, und dem Umgang mit der vermeintlichen Tyrannei des Geschmacks, einer äußeren, quasi soziologischen Barriere.
34 Komponistinnen und Komponisten, fünf Musikjournalisten (Kritiker, Musikwissenschaftler) und zwei Festspieldirektoren stellen sich in diesem Buch den Fragen Vargas. Die Form der Beiträge variiert von kurzen, schriftlich abgegebenen Statements bis hin zu ausführlichen Gesprächen, die entweder auf einem Tonbandmitschnitt basieren oder aus E-Mail-Korrespondenzen hervorgingen. Auffallend, dass sich jüngere Komponistinnen und Komponisten generell als auskunftsfreudiger und offener erwiesen als ältere Kollegen. Selbst in den umfangreichsten Gesprächen zeigt sich Vargas große Kunst, auch beim Beschreiten von Nebenpfaden nie den Grundgedanken aus den Augen zu verlieren. Und trotz der Beschränkung auf zwei Themen überrascht fast jeder einzelne der 41 Beiträge durch neue, interessante Einsichten; Wiederholungen fallen kaum ins Gewicht. Gleichwohl sind es einige wenige Gewissheiten, die sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehen: Mut mag kaum ein Komponist für seine Person in Anspruch nehmen, nicht aus falscher Bescheidenheit, sondern aus der Überzeugung heraus, dass diese Kategorie menschlichen Handelns keine Rolle in seinen Entscheidungen spielt. Allein schon aus diesem Grund muss Bálint András Varga eine gehörige Portion Mut zuerkannt werden, hat er doch den Titel seines Buches des ungeachtet beibehalten. Vargas Ausgangsfrage zielt auf den Mut des musikalischen Wagnisses. Hat Schönberg Mut bewiesen, als er in seinem zweiten Streichquartett die Tonalität verließ und „Luft von anderem Planeten“ witterte? (War Thomas Alva Edison von Mut getrieben, als er die Glühbirne erfand, brauchte Columbus Mut, um Amerika zu entdecken?). Schönberg enthob sich der persönlichen Verantwortung zugunsten einer aus dem musikalischen Material begründeten Konsequenz („Einer hat es sein sollen, ich – Schönberg – habe mich dafür hergegeben“). Doch ist diese Sicht, die Schönbergs Bewunderer Theodor W. Adorno in seiner geschichtsphilosophisch begründeten These von der „Tendenz des Materials“ aufgriff, nicht ganz frei von Koketterie.
Nur wenige Komponisten wollen dieser Sichtweise heute noch folgen. Neugier und Risiko werden stattdessen ins Spiel gebracht. Mut als nicht innermusikalische Kategorie musste der Dirigent Michael Gielen aufbringen, um Stücke uraufzuführen, die er als unbedeutend einschätzte und mit denen er nicht identifiziert werden wollte. Von ganz andersartigem Mut zeugen die Beiträge von Paul-Heinz Dittrich und Georg Friedrich Haas – es sind sehr persönliche, erschütternde Lebensberichte. Und Komponieren in politisch schwierigem Umfeld und in schwieriger Zeit, davon erzählen Unsuk Chin und Sofia Gubaidulina.
Die Frage des Geschmacks scheint Komponisten weniger zu interessieren. Auch wenn, wie der Musikwissenschaftler Rainer Nonnenmann in seiner E-Mail an Varga behauptet, ein herrschender Geschmack heute nicht mehr existiere, so ist jedes Kunstwerk den aktuellen Geschmäckern der unterschiedlichsten Couleur ausgeliefert, sobald es den Schreibtisch des Urhebers verlassen hat: dem Geschmack des Verlegers, der Interpreten, des Publikums, des Veranstalters. (Spielt der Geschmack jener Genannten bei der Entstehung des Werkes eine allzu dominante Rolle, lauert die Gefahr, den Bereich autonomer Kunst zu verlassen und der Produktion von Kunstgewerbe zu dienen – was aktuellen gesellschaftlichen Tendenzen heute immer mehr entgegenkommt, wie Detlev Glanert resigniert anmerkt). Dass dieses Thema die Komponisten deutlich weniger interessiert, mag auch daran liegen, dass Mut (oder Neugier) ein ewiger, steter Motor kompositorischen Arbeitens ist, die Geschmäcker jedoch sehr unterschiedlich und in permanentem Wandel begriffen sind. Als Fixpunkt besonders der älteren Generation von Tonsetzern erweist sich bis heute ungebrochen der Topos „Darmstadt“. Bedeuteten die „Darmstädter Ferienkurse für neue Musik“ den Einen ein zwanghaftes Unterwerfen unter aktuell vorherrschende Kompositionstechniken, Stile, Denkweisen, denen sie meinten, sich unterordnen zu müssen um nicht ausgestoßen zu werden, blieb „Darmstadt“ für andere ein schon fast heiliggesprochener Quell steter Inspiration. Friedrich Cerha, dessen Beitrag in diesem Buch zu den gehaltvollsten gehört, zeigt die Tyrannei des Geschmacks für die Ersteren daran auf, dass Sicherheiten permanent über den Haufen geworfen wurden, was für viele damals zweifellos nicht einfach war (und auch heute nicht einfach ist). Hatte man sich ab der Mitte der 1950er Jahre an den Serialismus „gewöhnt“, tauchte plötzlich, 1958, John Cage auf, der mit einer Lässigkeit ohnegleichen den Zufall propagierte. Höchst aufschlussreich ist hier Cerhas Beobachtung: Weil das Publikum, auch das Fachpublikum, nach dem partiellen Verlust des Kanons gültiger Regeln und Werke die Sicherheiten (und die Kompetenz?) für die Bewertung nicht nur neuer Musik verloren hat, sind die heftigen Auseinandersetzungen früherer Zeiten einer Ratlosigkeit gewichen, die als Desinteresse gewertet werden könnte, aber doch eher der Furcht entspringt, die eigene Rückständigkeit preiszugeben.
Bálint András Varga ist mit diesem Buch eine wunderbare Fortschreibung seines letzten Buches gelungen; die überaus anregende Lektüre wird belohnt durch zahlreiche Einblicke in die Abgründe des kreativen Schaffensprozesses aus authentischer Perspektive. Selten gelingt es Sachbüchern, wie denen von Varga, Lust auf das kommende Buch zu wecken.

Rüdiger Albrecht
Berlin, 05.04.2017

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