Matthias Pasdzierny: Wiederaufnahme? Rückkehr aus dem Exil und das westdeutsche Musikleben nach 1945 [Dorothea Hofmann]

Pasdzierny, Matthias: Wiederaufnahme? Rückkehr aus dem Exil und das westdeutsche Musikleben nach 1945.  – München, edition text + kritik, 2014. – 983 S.: s/w Abb. (Kontinuitäten und Brüche im Musikleben der Nachkriegszeit)
ISBN 978-3-86916-328-4 : € 69,00

Paul Hindemith und Theodor Heuss schütteln einander die Hand, Theodor Heuss legt dabei auch noch begütigend – oder ist es nicht vielmehr vereinnahmend? – dem deutlich kleineren Hindemith die linke Hand auf die Schulter. Dieses Foto dokumentiert ein Schlüsselereignis des westdeutschen Musiklebens der fünfziger Jahre, denn den Anlass zu dieser Begegnung gab die Eröffnung der neugebauten Beethovenhalle in Bonn am 8. September 1959, die Paul Hindemith als Dirigent mit Beethovens Die Weihe des Hauses und Die Geschöpfe des Prometheus sowie mit seiner eigenen Orchestersuite Nobilissima Visione einweihte.
Auf dem Cover des vorliegenden gewichtigen Bandes bietet dieses Foto einen wunderbaren Zutritt zu der beeindruckend umfangreichen Studie.
Nicht nur ist Hindemith hier Repräsentant jener Gruppe von Remigranten, denen aufgrund ihrer fraglos internationalen Bedeutung die Türen explizit geöffnet wurden. Beethoven – der womöglich am häufigsten politisch vereinnahmte Komponist – ist in diesem Konzert nicht nur der selbstverständlich gespielte „Hausherr“, sondern zugleich immer noch Garant einer geradezu sakral überhöhten Denkfigur, die in der im vorliegenden Buch untersuchten Nachkriegszeit die „universellen Werke“ in den Rang „ethischer Leitfiguren“ erhebt – wie Pasdzierny es in Kap. I „Politisch unverdächtig? Musik im westdeutschen Wiederaufbau“ in seinen klugen und ungemein spannend zu lesenden Überlegungen zu dem Film „Botschafter der Musik“ von Herman Stöß von 1952 zeigt. Dieser Film, gewissermaßen ein „Imagefilm“ der Berliner Philharmoniker, verrührte nicht zuletzt gerade in der Verwendung der Egmont-Ouvertüre in Kombination mit den gezeigten Bildern eine für die angesprochenen Jahre äußerst bezeichnende Mischung aus „Stunde Null“, „Tragik“, „zeitlosen kulturellen Werten“ etc. bis hin zu „innerem Widerstand“ zu einer problematischen Melange. Die Bemühungen deutscher Hochschulen, Hindemith als Galionsfigur des Wiederaufbaues an sich zu ziehen sind ebenfalls intensiv dokumentiert, die fraglos international berühmten Kollegen Ernst Krenek und Paul Hindemith sind die Hauptprotagonisten des ersten Kapitels innerhalb des Großabschnittes II. „Fühlungnahme“. Zur Diskurs- und Vorgeschichte der Rückkehr. Aber zu der großen Stärke des Buches zählt nun, daß es keineswegs sich nur den „Erfolgreichen“ widmet, die im Scheinwerferlicht standen und sich großer Unterstützung sicher sein konnten. Ganz im Gegenteil werden – insbesondere in III. „In der Remigration“. Zur Wirkungsgeschichte der Rückkehr auch zahlreiche Remigranten-Biographien gezeigt, die weitaus weniger spektakulär verliefen – und oft genug auch äußerst prekäre Lebenssituationen zeitigten.
Mit der Frage nach der Rückkehr aus dem Exil und dem Focus auf den (Wieder-) Beginn des westdeutschen Musiklebens nach 1945 thematisiert Matthias Pasdzierny in seiner Dissertation eine von der Forschung bislang weitgehend ausgesparte Fragestellung. Einerseits hatte lange Zeit das Exil selbst im Mittelpunkt der Forschung gestanden – die Probleme der Exilierten und deren Versuche, in der fremden Welt Fuß zu fassen, die manchen besser, anderen aber so gar nicht gut gelungen waren. Und zudem bildete die unmittelbare Nachkriegsgeschichte nicht nur in der Musikwissenschaft immer noch eine Art von blindem Fleck in jeglicher Hinsicht, geprägt von häufig wiederholten Begriffen wie „provinzielle Enge“, die sich so und ähnlich gerne auch für das Nachkriegsdeutschland, die „Adenauer-Zeit“ ganz generell angewandt finden, doch selten genug auf ihre tatsächliche Stichhaltigkeit überprüft werden.
Diese Zeit nun für das Musikleben außerordentlich fundiert zu beleuchten – wobei auch politische und soziologische Hintergründen sehr kompetent bedacht werden – gelingt dem vorliegenden Buch in unmittelbar schlüssiger Weise. Der Autor legt seinen Überlegungen eine Vielzahl von intensiv recherchierten Einzelstudien zugrunde, für die eine ganz herausragende Fülle von Quellenmaterial herangezogen und aufgearbeitet wurde.
Im Anhang findet sich eine Liste von 263 Kurzbiographien von „Rückkehrern“ nach Westdeutschland, die dem gewichtigen Buch auch eine erfreuliche Nutzbarkeit als Nachschlagewerk verleiht. Pasdzierny hat hier ein Standardwerk vorgelegt, an dem künftig für jeden an diesem Themenumfeld Interessierten kein Weg vorbeiführt.

Dorothea Hofmann
München, 11.12.2014

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