Christof Graf: Leonard Cohen, Titan der Worte

Graf, Christof: Leonard Cohen, Titan der Worte. – Hamburg: Edel, 2010. – 399 S.: 97 Fotos
ISBN 978-3-941378-64-3 : € 24,95 (geb.)

“Danke, Herr Prof. Dr. Christof Graf!” So muss man wohl brav sagen, wenn der Autor eines beabsichtigten Kultbuchs den Prolog, das letzte Kapitel (stellvertretend für alle) und die Danksagungen an alle Fans mit „Prof. Dr. Christof Graf“ regelrecht unterschreibt. Man weiß gar nicht, ob man dies nun zu den Meriten oder den Marotten dieses Buches zählen soll, selbstironisch wird es kaum gemeint sein. Und so beginnt diese Biografie eines Stars, in der alle Register der Information und der Mystifizierung gezogen werden, auch mit einer Geschichte nach dem Muster „Ich und Leonard“, wobei immerhin ein fiktives Interview mit Leonard Cohen (*1934), gegeben in Montreux 2008, herausspringt, das der Held seinem Biografen wegen widriger Umstände leider nicht geben konnte, aber so gut erfunden ist (schließlich kennt man sich ja schon seit über 20 Jahren), dass Leonard Cohen es dem Herrn Prof. Dr. Christof Graf („Hallo, Chris!“) ziemlich sicher so oder ähnlich gegeben hätte.
Aber im Ernst: Es gibt in ganz Deutschland sicher keinen zweiten musikjournalistisch tätigen Prof. Dr., der über eine ähnlich dichte Fülle von Informationen über Leonard Cohen verfügt und auch nur annähernd so flott und gut lesbar mit zwischenzeitlich reflektierendem Tiefgang über Charakter und Sinn der Ausnahmebegabung und -karriere des Leonard Cohen schreiben könnte wie Graf. Sein Archiv und sein Schreibtalent möchte man haben. Wenn es auch sein sechstes Buch über Cohen in 18 Jahren ist, es wird und sollte nicht das letzte sein, denn einen so genauen und feinfühligen Beobachter der Szene in und um Cohen werden wir nicht mehr finden.
Nachdem der Autor sich zusammen mit Cohen entschieden hat, dass das Leben nicht nur drei tragische Akte, sondern fünf tragikomische hat, werden wir erwartungsvoll mit einem V. Akt auf einem (noch) unbeschriebenen Blatt verabschiedet („to be continued“) – ja bitte! Leider werden wir darauf bis nach dem Tod des Helden warten müssen.
Die ersten vier Akte werden vorne durch ein Inhaltsverzeichnis detailliert stichwortartig gegliedert und dann im Fließtext wie ein ununterbrochenes Band von Album zu Album, von Tournee zu Tournee nacherzählt. Cohen als Dichter, Songwriter, Sänger, der die Frauen liebt und den Krieg hasst, den die Welt, wie sie ist, traurig und zornig macht und sich in Deutschland auf Glatteis bewegt, kommt selber oft zu Wort durch seine Gedichte, Songtexte und Interviewäußerungen. Auch die bösen und faszinierten Kritiker kommen zu Wort, Graf hat alles im Archiv und spuckt es für uns aus. Ungeniert, großzügig, gut sortiert und bewertet. Mit Diskografie, Werkverzeichnis und Quellenangaben im Anhang. Und mit vier ausgesuchten, Bände sprechenden Bildfolgen. Das Beste an dem Buch ist: Cohen bleibt Cohen – sich selbst und uns ein wundersames Rätsel.

Peter Sühring
Zuerst veröffentlicht in FORUM MUSIKBIBLIOTHEK 32 (2011), S. 79f.

 

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