Jens Balzer: Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Musik [Michael Stapper]

Jens Balzer: Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Musik. – Hamburg: Edition Körber, 2019. – 206 S.
ISBN 978- 3-89684-272-5 : € 17,00 (geb., auch als e-Book)

Im Juli 2020 wertete das Nachrichtenmagazin Der Spiegel Liedtexte deutscher Rap-Songs aus (siehe hier). Rund 30.000 Texte aus vier Jahrzehnten wurden hinsichtlich frauenfeindlicher Begriffe analysiert. Das Ergebnis ist so erschreckend wie erwartbar: Seit der Jahrtausendwende hat der Anteil sexistischer Wörter und Formulierungen drastisch zugenommen. Zwar scheint es seit kurzem einen Rückgang zu geben, doch spreche dieser eher für einen subtileren Umgang mit frauenverachtender Lyrik (was in einer Datenanalyse schwerer zu ermitteln ist) als für ein Umdenken in der Szene. Mit Bezug auf die Spiegel-Analyse hat die Deutsche Welle im August 2020 einen Blick in die Schlagerwelt geworfen (siehe hier) und den gesellschaftlich und historisch verankerten Sexismus in diesem Genre untersucht. Beide Artikel sind gleichzeitig alarmierend und differenziert genug, um das Thema ernsthaft auf die Bühne der Popkritik zu heben. Und somit kommt nun der Auftritt von Jens Balzer und seiner Betrachtung zu „Pop und Populismus“. Zwar ist dieser Band schon 2019 erschienen, doch sind seine Ergebnisse – leider, muss man sagen – immer noch so aktuell, dass die Lektüre unbedingt lohnt.
Jens Balzer zählt als Autor und Journalist zu den bekanntesten Pop-Kritikern des Landes. Er schreibt für Die Zeit und den Rolling Stone, moderiert mit Tobi Müller den monatlichen Popsalon am Deutschen Theater in Berlin und hat mit Pop. Ein Panorama der Gegenwart (2016, Rowohlt) sowie Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er (2019, Rowohlt) zwei viel beachtete Bücher zur Popkultur vorgelegt. Am Anfang der vorliegenden Publikation steht – wie auch in den eingangs erwähnten Beispielen – eine sprachliche Grenzüberschreitung. Balzer erinnert an die skandalöse Verleihung des Musikpreises „Echo“ im Jahr 2018 an die beiden Rapper Farid Bang und Kollegah. Geehrt wurden die Künstler für ihr Album Jung, brutal, gutaussehend 3 trotz mehrerer gewaltverherrlichenden und antisemitischen Äußerungen in den Liedtexten. Die Ungeheuerlichkeit des Vorfalls führte zwar dazu, dass die Vergabe des Preises eingestellt wurde, doch stellt Balzer zu Recht fest, dass diese öffentlichkeitswirksame Konsequenz an der grundsätzlichen Sprachverrohung vieler Rap-Texte nichts ändert. Im Gegenteil: Indem Balzer die Geschehnisse analysiert und mit den Strategien populistischer Parteien abgleicht, wird deutlich, dass es sich bei den beanstandeten Songs nicht um Ausrutscher handelt. Vielmehr ist hier ein Konzept erkennbar, das nach dem Muster populistischer Provokationen abläuft: Grenzüberschreitung, Relativierung und Selbstviktimisierung (S. 33f). Doch nicht nur die Strategien ähneln sich. Auch auf der inhaltlichen Ebene vereint viele Protagonisten des Deutsch-Raps und politisch sehr rechts stehenden Vertreter einschlägiger Parteien mehr als man meinen könnte. Antiquierte Frauenbilder, Homophobie, aggressive Maskulinität, Gewalt als probates Verständigungsmittel und antisemitische Tendenzen: Was manche Anhänger völkisch-nationaler Ideen mehr oder weniger verschämt umschreiben, wird im Rap nicht selten lautstark und sehr explizit formuliert. Nicht nur deshalb präsentiert Jens Balzer Musiker wie Bushido und Fler als nützliche Idioten, die einerseits zwar den neurechten populistischen Strömungen als Feindbild dienen, andererseits mit ihrer ausgeprägten Maskulinität als authentisches Sprachrohr der neurechten Ideologie gelten.
Doch geht es Jens Balzer nicht darum, am Deutsch-Rap ein Exempel zu statuieren. Schließlich ist dieses Genre nicht das einzige innerhalb der Popmusik, dessen Lyrik oftmals bestenfalls als problematisch zu bewerten ist. Auch bei Vertretern volkstümlicher Musik oder des Deutsch-Rocks, etwa bei Andreas Gabalier und Frei.Wild, findet der Autor Gender- oder Heimat-Topoi, die sich wunderbar in die neurechte Gedankenwelt einbauen lassen. Dass diese Musiker politisch explizit keine Stellung beziehen, sich also nicht vor den Karren einer Partei spannen lassen, sollte dabei nicht beruhigen. Zwar bringt der Rechtspopulismus (noch) keine Stars hervor. Wenn weite Teile der Öffentlichkeit aber offensichtlich kein Problem mit den inhaltlichen Aussagen haben, diese eventuell sogar noch befeuern, ist dies beängstigend genug. Aber auch die Gegenströmungen, allen voran die #metoo-Bewegung oder emanzipatorische MusikerInnen (z. B. Planningtorock), die explizit liberale Positionen vertreten und sich gegen patriarchalische Strukturen wenden, nimmt Jens Balzer wahr. Wie sehr diese als Gegenentwurf zum Deutsch-Rap und Heimat-Sound die Polarisierung der Gesellschaft widerspiegeln, zeigt der Autor, wenn er den auf linker Seite „immer strikter werdenden moralischen Rigorismus“ (S. 16) beklagt, der sich besonders unter dem Stichwort „cultural appropriation“ (ebd.) niederschlägt.
Balzers Analyse bleibt nicht zuletzt deswegen sehr düster, weil der Autor eine Vorstellung von Popmusik als emanzipatorischer Ausdrucksform hat, die er in Gefahr sieht. Eine Musik, die auch vom Regelbruch lebt, mit diesem aber immer einen befreienden und unterstützenden Anspruch verbindet. Grenzen sollen eben nicht nur wie im Rechtspopulismus weiter nach rechts verschoben werden. Sondern sie sollen nach allen Seiten hin überwindbar sein. Ob es dieses Ideal in der Vergangenheit tatsächlich gegeben hat, wie Balzer vermutet, kann hinterfragt werden. Die Leidenschaft, mit der er diese Vision einfordert – nicht zuletzt von sich selbst und den Kolleginnen und Kollegen in der Popkritik – ist beeindruckend.

Michael Stapper
München, 27.08.2020

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