Elisabeth Bauchhenß: Eugen Szenkar. Ein ungarisch-jüdischer Dirigent schreibt deutsche Operngeschichte [Christoph Zimmermann]

Bauchhenß, Elisabeth: Eugen Szenkar (1891-1977). Ein ungarisch-jüdischer Dirigent schreibt deutsche Operngeschichte – Köln [u.a.]: Böhlau, 2016. – 348 S.: s/w-Abb.
ISBN 978-3-412-50117-4 € 29,99 (geb.)

Der Kölner Böhlau-Verlag bietet dankenswerterweise auch eine recht große Anzahl von Veröffentlichungen über musikalische Persönlichkeiten, deren Namen nicht unbedingt als populär zu bezeichnen sind. Dies gilt beispielsweise für den Komponisten Friedrich Ludwig Aemilius Kunzen, den Bassisten Heinrich Pflanzl oder auch die Cembalistin Isolde Ahlgrimm. An dieser Stelle sei auf eine Biografie über Eugen Szenkar hingewiesen, verfasst von Elisabeth Bauchhenß. Sie begegnete dem Dirigenten zwar erst bei Gastspielen während seiner Spätkarriere, doch empfand sie diese stets als tiefgreifende, beglückende Erlebnisse. Es kam zu persönlichen Kontakten, die sich später wieder verliefen. Aber irgendwann erwachte doch die Lust, Leben und Wirken des weiterhin als charismatischer Musiker im Gedächtnis haftenden Dirigenten in einem Buch darzustellen. Diese Initiative sollte sich angesichts von vielfach nur noch begrenzt vorhandenem Dokumentarmaterial zu Leben und Wirken des Dirigenten als ausgesprochen mühsam und aufwändig erweisen. Das überaus akribisch verfasste Buch wirkt auf den unbefangenen Leser indes nirgendwo lückenhaft, was sicher auch dem ausgesprochen lebendigen Schreibstil der Autorin zu danken ist.
Szenkar wurde 1891 in Budapest geboren. Seine früh erkannte musikalische Begabung wurde vom heißgeliebten Vater gefördert. Nach umfassendem Studium an der städtischen Musikakademie schlug der junge Eugen die Kapellmeisterlaufbahn ein. Mehrere Jahre verblieb er jeweils in Altenburg, Frankfurt, Berlin und Köln. Das Publikum reagiert in seiner Mehrheit euphorisch auf den immer so elektrisierend wirkenden, fast nur auswendig dirigierenden Maestro. Doch dann vertrieb das braune Unwesen ihn (und seine dritte Frau Hermine) aus Deutschland, später der Stalin-Terror aus Russland (wo er vor allem in Moskau drei erfolgreiche Jahre erlebt hatte). Über Tel Aviv (Arbeit mit dem Palästina-Orchester) gelangten die Szenkars schließlich nach Rio de Janeiro (Gründung des Orquesta Sinfonica Brasileira – dazu ausgiebiges Konzertieren in den USA). Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Rückkehr nach dem als Heimat empfundenen Deutschland, wo Szenkar feste Posten zunächst in Mannheim, dann in Düsseldorf hatte. Gastspiele gab es u.a. im altvertrauten Köln, wo er bei Gelegenheit seines 80. Geburtstages mit einer Carmen-Aufführung seinen überhaupt letzten Auftritt hatte. Weiterhin schwelender Antisemitismus, sich mehrende Krankheiten und Momente der Einsamkeit ließen Szenkar nicht nur glücklich sein, aber er verzehrte sich in seiner Arbeit.
Die Biografie, in welcher sich die Autorin eigene kritische Anmerkungen (etwa zur Programmgestaltung des Dirigenten) durchaus nicht versagt, beleuchtet ausführlich „Größe und Grenzen des Dirigenten“ (Mannheimer Kritikerstimme, S. 212). Die flammende Aktivität Szenkars (welche stets den genuinen Operndirigenten verriet) und seine immense künstlerische Autorität lösten immer wieder Begeisterung aus, freilich gab es (vorrangig seitens der Presse) auch immer wieder Einwände. Sie galten beispielsweise der vielleicht manchmal tatsächlich zu starken Beethoven-Schwerpunktsetzung oder auch einer als unangenehm „amerikanisch“ empfundenen Klangbevorzugung des Blechs. Dass Szenkar die Moderne vernachlässigt habe, wird jedoch – wie anderes auch – von der Biografin als Falschbehauptung entlarvt. Man spürt, wie Elisabeth Bauchhenß das teilweise äußerst mühsam beschaffte dokumentarische Material genussvoll ausbreitet und ausgiebig zitiert, und das ist verständlich und absolut willkommen, umso mehr, als das ohnehin angenehm flüssig geschriebene Buch dadurch nirgendwo schwerlastig wirkt. In dem überwältigend üppigen Anhang befinden sich Quellen- und Literaturverzeichnis, Nachweis von Archiven/Institutionen sowie zitierten Tageszeitungen, Liste der aufgeführten Opern, Ballette, Operetten, Personenregister sowie eine Phonographie von Gert Fischer mit vielen offiziell eigentlich nicht mehr existenten Aufnahmen. Ob da nicht Einiges noch den Weg an die Öffentlichkeit findet?
Inhaltsverzeichnis

Christoph Zimmermann
Köln, 07.03.2017

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