Eva Rieger: Frida Leider. Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit [Christoph Zimmermann]

Rieger, Eva: Frida Leider. Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit – Hildesheim [u.a.] Olms, 2016 – 268 S.: s/w-Abb., Rollenverzeichnis, Literatur- und Personenreg.
ISBN 978-3-487-08579-1 : € 22,00 (geb.; auch als e-Book)

Eine ganz „normale“ Biografie wäre vielleicht auch denkbar gewesen, ohne dass deswegen die Umstände eines politisch fatal überschatteten Lebens hätten ausgeklammert werden müssen. Eva Rieger untertitelt ihr Buch über die vornehmlich als Wagner-Interpretin hochgerühmte Frida Leider indes mit der Formulierung Sängerin im Zwiespalt ihrer Zeit. Vergewisserung bei den Lebensdaten: 1888-1975. Das bedeutet, dass die Hochkarriere der Künstlerin in die Jahre des Dritten Reiches fiel. Frida Leider war keine Jüdin (was ihr Feinde gleichwohl gehässig nachsagten), allerdings mit dem österreichischen Juden Rudolf Deman (lange Konzertmeister der Berliner Staatskapelle) verheiratet und damit im Jargon der Nazis „versippt“. Unter dem Druck der Verhältnisse entschloss man sich nach außen hin zu einer Scheidung, die menschliche Beziehung blieb jedoch intakt und konnte sogar aufrecht erhalten werden, wenn auch nur wie unter einem Damoklesschwert.
Frida Leider, die aus einfachen Verhältnissen stammte, entdeckte früh ihre Neigung zur Musik im Allgemeinen, zur Oper im Besonderen. Obwohl sie 1915 in Halle als Venus debütierte, ging sie ihre späteren zentralen und weltweit bejubelten Partien Brünnhilde und Isolde in maßvollem Tempo und mit strenger Selbstdisziplin an, bot darüber hinaus ein weitläufiges Repertoire. Ausdrücklich bezog sie die italienische Belcanto-Technik in ihr dramatisches Singen ein, versagte sich falsches Heroinentum. Scala-Gastspiele 1927 (in der Sprache des Landes) empfand sie wie ein vokaltechnisches Reinigungsbad. Zentrale Wirkungsstätte Frida Leiders wurde und blieb bis zuletzt die Berliner Staatsoper, wichtigster „Abstecherort“ Bayreuth (1928 bis 1938 – hier wurde Heinz Tietjen zu einer Feindfigur). Gegen Ende ihrer Karriere wandte sie sich verstärkt dem Lied zu und betätigte sich nach dem Krieg mit Erfolg auch inszenatorisch und pädagogisch. Die Zeichen der vorherigen Zeit konnte die Künstlerin schon durch die Bedrohung ihrer Ehe nicht ignorieren, aber es lag (Buchzitat S. 170) „eine lähmende Entschlusslosigkeit … über mir“, wie sie in ihren 1959 erschienenen Memoiren Das war mein Teil schreibt, wobei Auslassungen im Detail nicht immer voll gedeutet werden können. Sicher handelte es sich um eine Art Selbstschutz. Eva Rieger lässt in ihrem sehr lebendig geschriebenem Lebensbericht die Gesangs- und auch (hart erarbeitete) Darstellungskunst Frida Leiders nicht zu kurz kommen. Ihr Fazit gleicht u.a. dem von Jürgen Kestings Sängerlexikon, wo sich der Autor über Frida Leider unter der Überschrift Erlösung für Wagner äußert. Aber Eva Riegers Buch, welches gleich zu Beginn einen Exkurs Der ‚Führer‘ und die Wagnerliebe enthält, ist auch und sogar in besonderem Maße ein Zeitbild, welches viel Erhellendes über die damaligen „entarteten“ Zeitläufte bietet. Wohl kaum von ungefähr endet es mit einem Kapitel Künstler im politischen Umfeld. Und hier fällt mit Verweis auf Frida Leiders politische Blauäugigkeit auch die Formulierung „verantwortungsloser Irrtum“. Keine lediglich schönfärberische Biografie also.
Inhaltsverzeichnis

Christoph Zimmermann
Köln, 19.10.2016

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