Jürgen Schaarwächter: Two Centuries of British Symphonism. From the beginnings to 1945 [Ole Fahnick]

Schaarwächter, Jürgen: Two Centuries of British Symphonism. From the beginnings to 1945. A preliminary survey. With a foreword by Lewis Foreman. 2 Vol. – Hildesheim: Olms, 2015. – XXVIII, 1201 S.: 52 s/w-Abb., zahlreiche Notenbsp.
ISBN 978-3-487-15226-4 : € 89,00 (geb.)

Bis in die 1990er-Jahre fand die Musik des Vereinigten Königreichs auf dem europäischen Kontinent und insbesondere in Deutschland wenig Beachtung (einzelne Namen wie Benjamin Britten, Edward Elgar oder Henry Purcell vielleicht ausgenommen). Angesichts der großen Zahl teils namhafter Komponisten, die Großbritannien im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat (genannt seien hier nur Ralph Vaughan Williams, Edmund Rubbra, Herbert Howells, John Foulds oder Havergal Brian), mag dies verwundern. Zurückzuführen ist diese neue Aufmerksamkeit auf zahlreiche Einspielungen von Werken britischer Komponisten auf CD, zumindest ein Teil von ihnen ausgelöst sozusagen durch den Vorläufer der hier zu besprechenden Arbeit, Jürgen Schaarwächters 1995 erschienene Dissertation Die britische Sinfonie 1914–1945.
Nun endlich erfüllt Schaarwächter, deutscher Repräsentant der British Music Society, mit Two Centuries of British Symphonism. From the beginnings to 1945 den lange gehegten Wunsch der angloamerikanischen Leserschaft nach einer entsprechenden Publikation in englischer Sprache. Sein Thema hat er seit 1995 deutlich erweitert, nicht zuletzt dank eines DFG-Forschungsstipendiums, mittels dessen er 1997-99 die Sinfonik vor Elgar (ja, auch hier gibt es beachtliche Schätze zu heben wie beispielsweise John Marsh, Samuel Sebastian Wesley, William Crotch, Joseph Holbrooke, Samuel Coleridge-Taylor oder Henry Walford Davies) erforschen konnte. Seit 1999 ist Schaarwächter wissenschaftlicher Mitarbeiter des Max-Reger-Instituts Karlsruhe und konnte seine Forschungen daher nur in seiner Freizeit weiterführen.
Schaarwächter macht es sich in den vorliegenden zwei Bänden zur Aufgabe, eine lückenlose Bestandsaufnahme des gesamten sinfonischen Schaffens britischer Komponisten von Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges zu präsentieren – und bietet weit mehr als der Untertitel „A preliminary survey erwarten ließe. Neben inzwischen etablierten Tonsetzer wie Edward Elgar, Arnold Bax, William Walton oder Michael Tippett fördert er auch Namen zutage, die selbst in Großbritannien nur einigen wenigen Experten bekannt gewesen sein dürften und die bis heute nahezu vergessen sind (beispielsweise Cipriani Potter, John Lodge Ellerton oder George Alexander Macfarren).
Dem Vorwort von Lewis Foreman folgt eine kurze Einleitung, bevor Schaarwächter auf die Entwicklung der Sinfonie in Großbritannien bis Edward Elgar eingeht. Die große Fülle an zusammengetragenen Materialien präsentiert er adäquat, indem den folgenden Kapiteln die wichtigsten Grundströmungen britischer Musik des 20. Jahrhunderts zugrunde gelegt werden – etwa „Sibelius’s reception in Great Britain“, „The programme symphony after 1914“, „The tradition of the choral symphony, with a few remarks on the solo vocal symphony“ oder die Beeinflussung durch den Jazz, den Neoklassizismus und die Schönberg-Schule. Die Einordnung in nur wenige Kapitel trägt bei aller Ausführlichkeit maßgeblich zu einer sehr guten Übersichtlichkeit bei und bietet für den Leser zweifellos einen größeren Mehrwert als die bloße Abhandlung einzelner Komponisten, die sich möglicherweise später als keineswegs repräsentativ für die Thematik erweisen. Durch teilweise eigenwillige Schwerpunktsetzung (Benjamin Britten etwa fällt überraschend knapp aus) regt Schaarwächter gleichzeitig den Leser dazu an, selbstständig weiter zu recherchieren und tiefer in die Materie einzutauchen. Er zeigt den Weg der sich über die Jahrzehnte entwickelnden Identität der britischen Sinfonik, gleichsam geprägt durch die Einflüsse Europas und das Bedürfnis nach musikalischer Individualität und Eigenständigkeit, und schafft es dabei seinen oben formulierten Anspruch zu erfüllen.
Der Anhang des Buches enthält, neben einer durchaus erschöpfenden Bibliographie, ein umfassendes Werkverzeichnis mit Besetzungsangaben, Aufführungsdaten, Manuskriptstandorten sowie dem Abdruck der Gesangstexte bei Vokalsinfonien. Allein dieser Anhang, der gut die Hälfte des zweiten Bandes ausmacht und auch ein ausführliches Namens- und Werkregister enthält (es empfiehlt sich beide Bände geschlossen zu erwerben, auch wenn sie einzeln lieferbar sind), ist ein ausgesprochen umfangreiches Nachschlagewerk von großem, keineswegs nur akademischem Wert. Unbedingt gehört es somit auch in das Bücherregal jedes Musikliebhabers. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis erleichtert tieferes Eindringen in Werke, die man im Falle der vorliegenden Publikation nie erschöpfend behandeln kann; das Namensregister wiederum bietet Anhaltspunkte für ein schnelles Nachschlagen, das wohl öfter vorkommen wird als eine durchgehende Lektüre. Beide Bände haben aufgrund ihrer Informationsdichte und wegen der klaren, strukturierten Darstellung des Materials das Zeug zum Standardwerk.

Ole Fahnick
Heidelberg, 15.04.2015

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