Olaf Matthias Roth: Donizetti. Lucia di Lammermoor [Andreas Vollberg]

Roth, Olaf Matthias: Donizetti. Lucia di Lammermoor. – Kassel / Leipzig: Henschel, 2014. – 120 S.: s/w-Abb., Ill., Notenbsp., Tab. (Opernführer kompakt)
ISBN 978-3-7618-2295-1 (Bärenreiter) u. 978-3-89487-921-1 (Henschel) : € 14,95 (kart.)

Die unter Callas angestoßene Belcanto-Renaissance hat seit den 50-ern manch unbekannte Pretiose aus den über 70 Bühnenwerken Gaetano Donizettis (1797-1848) zum Leuchten gebracht. Von jeher aber wurzelte sein tragisches Melodrama Lucia di Lammermoor weltweit im Repertoire der Opernhäuser und bot namhaften Primadonnen Erfolgsgarantien. Unter Legitimationsdruck dagegen steht nach wie vor die wissenschaftliche Publizistik zu diesem elitärerseits gerne als Leierkasten- und Kanariengetön abqualifizierten Epochalwerk zwischen Rossini und Verdi. Olaf Matthias Roth, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Theater Dortmund, distanziert sich einleitend von derlei Vorbehalten und beweist mit seinem Beitrag zur vorzüglichen Reihe Opernführer kompakt, welches Potential sich kulturgeschichtlich in Wahrheit hinter dem scheinbaren Edelkitsch verbirgt. Bei der Lektüre neidet man dem Autor förmlich sein Talent, einen analytischen Werkreport mit flotter fachjournalistischer Schreibe zu einem spannenden Thema aufzupeppen, zugleich die erst in modernerer Forschung emanzipierten Ansätze des Multikausalen, Intermedialen, Performativen, Werkimmanenten, Logistisch-Praktischen ineinander zu verweben. Alles scheint durch die Brille des 21. Jahrhunderts gelesen, als sei dem Autor sein Gegenstand so nah und sympathisch wie ein Blockbuster aus Hollywoods Traumfabrik.
Unkonventionell steigt Roth ins Thema ein mit dem 1959-er Sensationserfolg der australischen „Commonwealth“-Lucia Joan Sutherland. Und eben das Musikbusiness, das den Opernbetrieb schon im Italien des 19. Jahrhunderts dominierte, kristallisiert sich als Ferment der Lucia-Story heraus, wenn sich Roth erzählstrategisch beschlagen via Gattungshistorie und Donizetti-Vita ans Kernstück heranpirscht. Wie es der talentierte Zögling des bayerischen Wahlitalieners Simon Mayr aus der elterlichen Kellerwohnung im oberitalienischen Bergamo zum „Maestro Orgasmo“ der Oper und Scala-Ehren gebracht hat, kommt ebenso quick und lebendig herüber wie der Einfluss Gioachino Rossinis: seine Vitaminspritze für die erstarrte Opera seria, die Protektion Donizettis in Paris und dessen Vorstoß in realistischere Gefilde im Wettkampf mit dem finanziell potenteren Sizilianer Vincenzo Bellini.
Zentral aber steht dann 1835 der Höhepunkt am Teatro San Carlo Neapel mit jenem Familiendrama aus schottischem Adel im 16. Jahrhundert, welches in Wahnsinn, Gattenmord und Tod der mädchenhaft schuldlosen Titelgestalt kulminiert. Wurde sie doch von ihrem Bruder intrigant gezwungen, ihrer rückhaltlosen Liebe zum Familienerbfeind Edgard von Ravenswood zwecks Vernunftehe mit einem ungeliebten Lord zu entsagen. Förmlich amüsant durch humorige Einsprengsel und treffsichere Anglizismen entschlüsselt Roth transparent und top recherchiert die Transformation von Walter Scotts Historienepos in ein bühnentaugliches Opernskript – Devise: „Kill your darlings“ – durch den Librettisten-Newcomer Salvatore Cammarano. Historischer Hintergrund erschließt sich auf vergleichenden Nebenpfaden, z.B. durch Bekanntschaft mit benachbarten Lucia-Vertonungen. Instruktiv wählt und formuliert Roth auch die in der Buchreihe obligatorischen Exkurse in Kastentexten: Miniessays zu Belcanto, Historienroman oder Romantik, Steckbriefe der Protagonisten etc.
Im musikalisch-dramaturgischen Parcours entlang der Nummernfolge dürfte auch der nicht in allen Analysebegriffen Bewanderte (vieles klärend: ein Glossar) am Ball bleiben. Deren Sinn und Funktion nämlich erschließt sich unkompliziert aus der Nonchalance einer zugleich differenzierten, weil auch stilkritischen Dechiffrierung der Zusammenhänge von Musik und Plot. Nicht nur der Schluss, dass Lucia mit der „Transzendierung des Irdischen ins Himmlische“ (S. 9) den „Prototyp der italienischen romantischen Oper“ repräsentiert, in dem Donizetti „nach neuen Möglichkeiten des Ausdrucks und der musikalischen Wahrhaftigkeit gesucht hat“ (S. 82), wertet Roths Fazit auf. Aufhorchen lässt ein weiteres: eine opernhistorische Wahnsinns-Chronik, die den aktuellen Lucia-Diskurs schon in der Genderdebatte angekommen und die „Menschen in Donizettis Opern (…) dem Menschen des 21. Jahrhunderts sehr, sehr nahe“ (S. 87) sieht. Das Schlusskapitel zu Uraufführung und Rezeption akzentuiert unter Aufführungspraktischem die prominentesten Lucias und den Übergang vom leichtstimmigen Belcanto zur jugendlich-dramatischen Besetzungspraxis, in der Inszenierungsgeschichte die Polarität von pittoreskem Ausstattungsstück vs. Regietheaterobjekt, zudem Disko- und Filmographisches. Nicht zu vergessen: In solcher Qualität ist der totgesagte „Opernführer“ lebendig wie nie zuvor!

Andreas Vollberg
Köln, 15.11.2014

 

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