Leo Truchlar: Lichtmusik – Zur Formensprache zeitgenössischer Kunst [Manfred Miersch]

Truchlar, Leo: Lichtmusik – Zur Formensprache zeitgenössischer Kunst. – Wien: LIT, 2013. – 2 Bde., insges. 922 S.: ohne Abb. (Austria: Forschung und Wissenschaft – Literatur- und Sprachwissenschaft ; 22)
ISBN 978-3-643-50472-2 : € 79,90 (Pb; auch als e-book erhältl.)

Leo Truchlar ist ein emeritierter Universitätsprofessor, dessen Arbeitsschwerpunkt im Bereich der Literatur liegt, mit Forschung zu Anglistik, zu Texttheorie und Kulturwissenschaft.
Wer angesichts des Titels des umfangreichen Werkes, das der Autor vorlegt, eine kulturwissenschaftliche Beleuchtung dessen erwartet, was der Begriff „Lichtmusik“ im gegenwärtigen Sprachgebrauch impliziert und welche kunstbegrifflichen Denk- und Vorstellungsräume er eröffnet, wird enttäuscht werden. Hier geht es eben nicht explizit um die Tätigkeit zeitgenössischer Lichtmusiker, die in der Nachfolge von Alexander Skrjabin synästhetisch, künstlerisch und multimedial farbiges Licht und Foto- oder Videosequenzen in vielfacher Gestaltung als Lightshows in Echtzeit generieren (den Lightjockeys, VJs oder Visualists). Möglicherweise ist das Tun dieser zumeist jungen Leute dem Autor auch weitgehend unbekannt, in 1999 hatte er zwar unter der Überschrift „Lichtmusik“ bereits zum Werk des englischen Filmemachers Derek Jarman publiziert und den Begriff immerhin in kinematisch-visuellem Kontext verortet, wer in Truchlars aktueller „Lichtmusik“ liest, findet zu den Pionieren der (eher abstrakten) filmischen Lichtkunst und zu Skrjabin jedoch nur sehr wenig.
Zur Formensprache zeitgenössischer Kunst wird vorwiegend referiert, kommentiert und assoziiert, wer eine erhellende Wegbeschreibung durch die pluralistische Kunstszene der Gegenwart sucht und auf Hilfestellung zum Verständnis der Spielregeln hofft, die das Betriebssystem Kunst jenseits der bekannten Klassifikationen prägen, wird ebenfalls enttäuscht.
Der Verlag teilt mit: „In welchen Formen sich leidenschaftliche, lustvolle, überbordende Fantasie ausdrücken kann und exzessiv vermitteln will, ist Thema dieses Buches.“
Als Leser bekommt man rasch den Eindruck, dass es sich dabei um die „leidenschaftliche, lustvolle, überbordende Fantasie“ des Autors Truchlar handelt, die dieser „exzessiv“ auf über 900 Seiten vermittelt. In Bezug auf den Titel eines Aufsatzes von Truchlar aus dem Jahr 1981 möchte man sagen: hier geht es wohl um „Die Wollust am Text“. Auf Seite 889 der „Lichtmusik“ lässt der Autor vermuten, dass auch eigentlich noch eine Fortsetzung anstände, indem er bekundet, es handle sich nur um einen „provisorischen, vorläufigen Schluss“.
Ist auf den vielen Seiten auch von konventioneller Musik die Rede, jener, die traditionell auf den Gehörsinn wirkt? Ja, man kann z.B. zu Terry Riley, Cage, Stockhausen und Schnebel einige Bemerkungen lesen, aber die Frage ist falsch gestellt, sie sollte lauten: ist auf den vielen Seiten von irgendetwas nicht die Rede?
Truchlar versteht sich als Lichtbringer, als Aufklärer, auf Seite 2 bekennt er: „Nicht Finsternis will ich also verbreiten, sondern Licht“ und „Aufklärung initiieren“. Bedauerlicherweise kommt vieles sehr oberflächlich daher. Der Abschnitt zur Ausstellung des Landart-Künstlers Robert Smithson in der Stadt Siegen (S. 106 ff.), eine Ausstellung, die auch der Rezensent besucht hat, liest sich z.B. wie aus dem lokalen städtischen Kulturfahrplan oder irgendeinem Lexikon abgeschrieben. Zu den in der Ausstellung signifikant erkennbaren Licht- und Schattenseiten der Kunstgattung ist wenig zu erfahren. Auf den Seiten zum Werk des Schweizer Komponisten Thomas Kessler (S. 338 ff.) und dessen Brückenbildung von „Kunst- und Populärmusik“ (Zitat), fehlt die wichtige Information, dass Kessler durch seine Arbeit als Initiator und Leiter des Berliner Electronic Beat Studio ein Genre elektronischer Populärmusik begründen half, das international erfolg- und einflussreich wurde, ein Einfluss der bis heute anhält. Die „Lichtmusik“ ist als integrales mediales Ausdrucksmittel durch Musiker dieses Genres weiterentwickelt und verbreitet worden. Kein Wort davon bei Truchlar. Schade, vielleicht sollten Literaturwissenschaftler auch mal zu einem Konzert von Kraftwerk oder Tangerine Dream gehen, der junge Karlheinz Stockhausen war (lange vor der Entstehung seines Licht-Zyklus) bei einer Performance von Jefferson Airplane anwesend und äußerte sich positiv. Auch dort, 1966/67 in Kalifornien, wurde „Lichtmusik“ geboren …
Das Problem scheint zu sein, dass in Truchlars weitgefasster „Lichtmusik“, jener fast tagebuchartigen Schrift, einfach zu weitschweifig erzählt wird, da mag kein Platz mehr für tiefer gehende wirkliche Aufklärung gewesen sein. Man liest zur Bombardierung Belgrads durch die Nato und zur Empörung der Intellektuellen (S. 95) und lässt sich spätestens dann in die folgenden vielen Seiten dieses zweibändigen Buches fallen, wie in einen Hypertext, von Verweis zu Verweis, und alles ist mit allem verlinkt. Die Lesereise ist wie ein synästhetischer Trip: während er andauert erscheint alles verführerisch und faszinierend, wie der Blick in ein Kaleidoskop und ein Universum scheint sich zu offenbaren, danach folgt die Ernüchterung.
Der Rezensent legte die beiden Bände beiseite und es kam ihm der Titel eines Buches in den Sinn, das als das Vermächtnis des Kunsttheoretikers Wolfgang Max Faust gilt: „Dies alles gibt es also.“ Tja.

Manfred Miersch
Berlin, 02.11.2013

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