Berlin 09.11.2012: Gedenken an 100. Todestag Gustav Jacobsthals

Gustav Jacobstahl; Photo aus der Sammlung Manskopf, Frankfurt/Main

Am 9. November 1912 starb in Berlin der Musikwissenschaftler und Komponist Gustav Jacobsthal. Jacobsthal war der erste Ordinarius für Musikwissenschaft an einer deutschen Universität, und dennoch wird man in diesen Wochen in den Hochschulprogrammen nach Gedenkveranstaltungen ebenso vergeblich suchen wie in der (Fach-)Presse nach Gedenkartikeln. Ein Hinweis auf Jacobsthals Grab fehlt in der Übersicht des Jüdischen Friedhofs Weissensee. Als info-netz-musik sich vor gut einem Monat auf die Suche nach dem Grab machte, um diesen Beitrag bebildern zu können, war der Zugang wegen mannshoher Brennesseln und mannshohen Unkrauts unmöglich. Durch die Veranlassung von info-netz-musik ist der Zugang mittlerweile freigeräumt, so daß am Freitag eine kleine Gedenkstunde an der Grabstätte stattfinden kann. (jl)

Zu Leben und Wirken –>

Name und Leistung Gustav Jacobsthals (1845–1912) sind heutzutage selbst professionellen Musikwissenschaftlern nicht unbedingt geläufig, obwohl er das Fach einst mitbegründete. Die eigentliche Bedeutung seiner vorwiegend mündlich an der Universität Straßburg vorgetragenen, aber in seinem Nachlass in Form von Vorlesungsskizzen und privaten Studien überlieferten Lehre konnte erst durch die Erschließung und Edition von Teilen seines Nachlasses, sowie eine ideen- und kulturgeschichtlich orientierte Erforschung seiner Biografie herausgefunden werden. Demnach wurde dieser in einer jüdischen Familie in Pommern geborene, spätere erste Ordinarius der Musikwissenschaft im deutschen Kaiserreich frühzeitig an einem Stettiner Gymnasium in Musik von Carl Loewe und in Mathematik von Hermann Graßmann ausgebildet und dann in Berlin vor der Reichsgründung von dem Milieu der Berliner Vokalschule um Eduard Grell und Heinrich Bellermann geprägt. Sein Lehrer in den – für seine Art zu forschen – unentbehrlichen historischen Arbeitsmethoden der Paläographie, Chronologie und Textdiplomatik war Philipp Jaffé. Nach dem deutsch-französischen Krieg zog es ihn nach Wien, wo er an der Hofbibliothek mittelalterliche Handschriften studierte und über die Musiktheorie Hermann von Reichenaus eine deren Schwierigkeiten enträtselnde Arbeit schrieb, die er als Habilitationsschrift an der neu gegründeten Reichs- und Reformuniversität Straßburg einreichte. Hier schloss er auch eine prägende Freundschaft mit dem Germanisten Wilhelm Scherer. Ab dem Winter 1872/73 lehrte er, zunächst als Privatdozent, ab 1875 als außerordentlicher Professor und ab 1897 als Ordinarius, 33 Jahre lang in Straßburg Musikgeschichte und Musiktheorie. Er zählte zu den ganz wenigen jüdischen Gelehrten, denen es damals gelang, eine solche Position zu erringen. Er leitete dort den Akademischen Gesangverein als ein universitäres Ausbildungsinstitut, mit dem er u.a. zeitgenössische Werke in der Nachfolge Mendelssohns aufführte. Jacobsthal komponierte auch selber: Chorwerke für akademische Feiern (vorwiegend Psalmvertonungen), Klavierlieder nach Goethe (Mignon- und Harfner-Lieder) und ein Streichquartett.

Grabmal Gustav Jacobsthals auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weissensee; Photo: Peter Sommeregger, 2006

An seine Entdeckung der Chromatik im liturgischen Gesang des frühen Mittelalters wurde von den klerikalen (vatikanischen) und mönchischen (benediktinischen) Redakteuren und Praktikern des gregorianischen Chorals bis vor kurzem kaum angeknüpft, seine Ansichten über die freie Rhythmik des einstimmigen und die variantenreiche Rhythmik schon des frühesten mehrstimmigen Gesangs im Mittelalter wurden nur in entstellter Form adaptiert. Aber auch zu neuzeitlicher Musik hinterließ Jacobsthal pointierte Standpunkte: Weil Mozart das Dramatische mit dem Musikalischen vereinigt habe, sah er in ihm den Kulminationspunkt der Operngeschichte und fand die genealogischen Gründe dafür in dessen Kindheitsopern. Einzelne Spätwerke Beethovens wagte er, zu einer Zeit als diese als unantastbar galten, zu kritisieren wegen ihrer den vereinzelten Ausdruck verabsolutierenden Uneinheitlichkeit. Zu der Superlativ-Musik Richard Wagners, dessen sich revolutionär gerierendes Künstlertum ihn abstieß, fiel ihm nur ein, dass es nicht die Aufgabe von Komponisten sei, Musik auch für unmusikalische Ohren attraktiv zu machen.
Seine in unermüdlichem Studium praktischer und theoretischer Quellen erworbene Methodik war empirisch und skeptisch zugleich, hielt er es doch aus Gründen der wissenschaftlichen Redlichkeit für unmöglich, angesichts der pluralen Traditionslinien in der Musikgeschichte generalisierende Schemata zu entwickeln. Diese Haltung trennte ihn sowohl von seinen Berliner Lehrern als auch von seinen vorgeblichen Schülern wie Peter Wagner oder Friedrich Ludwig, die solche Vorsichtsmaßregeln ignorierten.
1905 wurde Jacobsthal 60jährig frühemeritiert, nachdem eine Berufung auf den Berliner Lehrstuhl aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich war, und er vagabundierte anschließend (überarbeitet, von einer Infektion nervlich angegriffen und von ständigen Schmerzen geplagt) durch verschiedene deutsche Badekurorte. Er kehrte erst im Frühjahr 1912 nach Berlin zurück, wo er sich früher in der vorlesungsfreien Zeit gern Wochen und Monate lang bei Freunden und der Familie aufgehalten hatte. Am 9. November des Jahres 1912 starb Gustav Jacobsthal. Er liegt auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee begraben.                                                                                                                                       psü

Treffpunkt: 9. November, 11.00 Uhr, Eingang des Jüdischen Friedhofs Berlin-Weissensee
Die Gedenkstunde wird von Mitgliedern des Ensembles Vox Nostra musikalisch umrahmt.

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