Musik im Technischen Zeitalter. Eine Dokumentation [Peter Sühring]

Musik im Technischen Zeitalter. Eine Dokumentation / Hrsg. von Robert Schmitt Scheubel – Berlin: consassis.de, 2012. – 276 S.: Abb.
ISBN 978-3-937416-06-9 : € 69,00 (kt.)

Der Band dokumentiert dankenswerterweise eine gleichnamige Veranstaltungsreihe, die im Winter 1962/63 in West-Berlin im Großen Saal der von der US-amerikanischen Regierung geschenkten Berliner Kongreßhalle stattfand. Jeder, der sie – wie der Rezensent – damals mitverfolgt hat, konnte sich der beabsichtigten und von den damals noch etwas schwächeren neuen Medien (wie dem heute schon altmodischen Fernsehen) tatkräftig unterstützten aufklärenden und propagandistischen Wirkung dieses Vortragszyklus mit Musikbeispielen kaum entziehen. Hans Heinz Stuckenschmidt, selbst in jungen Jahren Komponist in der Berliner Novembergruppe, dann in der Weimarer Zeit schon als Streiter für die musikalische Avantgarde auffällig und bei den später totalitär regierenden Nationalsozialisten missfällig geworden, zunächst mit Schreibverbot belegt, um dann später ausgerechnet in der Prager deutschen Besetzerpresse dann doch wieder zu schreiben, hat sofort nach 1945 sein früheres Engagement für neue Musik im Nachkriegsdeutschland wieder aufgenommen – nun allerdings im Rahmen eines von den westlichen Siegermächten initiierten Reeducation-Programms sowie inmitten der Bedingungen des Kalten Krieges.
Ein Jahr nach dem Bau der Mauer präsentierte Stuckenschmidt in Westberlin neueste „Schöpfer der Neuen Musik“ im Rahmen einer vom Außenamt der Technischen Universität (an der er inzwischen eine Professur innehatte) und anderer staatlicher Unterstützer als Schaufenster-Aktion der Freien Welt. Diese unleugbaren Zusammenhänge werden von dem Herausgeber in seinem Nachwort etwas zu negativ überbetont, ohne konkret zu fragen, was Stuckenschmidt hätte anders oder besser machen sollen oder können (sicher wäre der Versuch, einen Ost-West-Dialog von Komponisten zu organisieren, nicht schlecht gewesen). Wegen Stuckenschmidts kurzweiliger Opportunität gegenüber dem NS-Regime, sowie seiner Einbindung in die kulturpolitischen Nachkriegskonstellationen ist Schmitt Scheubel nicht allzu gut auf ihn zu sprechen, dokumentiert aber durch die abgedruckten Quellen (Stuckenschmidts Äußerungen als Partner von Boris Blacher, Luigi Nono, Wladimir Vogel, John Cage, Hans Werner Henze, Karlheinz Stockhausen, Iannis Xenakis und György Ligeti) dessen weltoffene und kritische Haltung – eitel und selbstsüchtig waren sie doch alle. Vor allem, wenn man berücksichtigt, wen Stuckenschmidt alles noch eingeladen hatte und gerne präsentiert hätte (19 weitere Anfragen waren ergangen), zeigt sich ein etwas anderes Bild, wenn auch kein Schostakowitsch oder Paul Dessau, aber immerhin Penderecki aus Polen, darunter waren. Die Vorträge, die Schmitt Scheubel nicht dokumentieren konnte, waren die von Karl-Birger Blomdahl, Roman Haubenstock-Ramati, Wolfgang Fortner und Pierre Schaeffer, wohl aber konnten von ihm die im zweiten Teil des Buches dokumentierten Presseberichte über deren Abende mit aufgenommen werden. In den Archiven der TU und des SFB befanden sich ausreichend Dokumente, um auch die Vor- und Nachbereitungen der Veranstaltungsreihe zu dokumentieren, so dass der Teil des Buches, der die Wiedergabe der Vorträge und Gespräche enthält, nur 87 Seiten umfasst. Erst aber die öffentlichen Reaktionen der Musikjournalisten in der damaligen lokalen und überregionalen Presse lassen die hohe Brisanz und das kunstpolitische Klima, in das diese Vorträge hineinstießen, erkennen. Und, seien wir ehrlich: eine ähnlich konzentrierte und wirksame Präsentation von weltweit aktuell virulenten Kompositionskonzepten wie diesen Vortragszyklus damals, hat es seitdem nie wieder gegeben. Insofern ist die historische Bedeutung dieser Dokumentation enorm. Und: die damals verhandelten Fragen zeigen wie alt die heutige neue Musik schon geworden ist noch bevor ein erster Ton von ihr erklingt.
Der horrende Preis des Buches lässt sich, wenn dann überhaupt nur durch die vermutlich in dasselbige investierte Arbeit rechtfertigen, da hier der Herausgeber auch der Verleger ist. Sie zahlen 25 Cent pro Seite, aber: es lohnt sich, billiger bekommen sie jedenfalls im Moment kein authentisches zeitgeistiges Panorama in Sachen Musik von vor 50 Jahren geliefert.

Peter Sühring
Berlin, 14.07.2012

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