Die Winterreise: 24 melancholische Geschichten zu Franz Schuberts Liederzyklus

Die Winterreise: 24 melancholische Geschichten zu Franz Schuberts Liederzyklus nach den Gedichten von Wilhelm Müller. Hrsg. von Martina Bick. Mit einem Nachwort von Barbara Sichtermann, Bilder von Stefanie Roth. – Hildesheim: Gerstenberg, 2004. – 367 S.: 24 Farbill.
ISBN 3- 8067-2554 -3 : € 39,–

Texte können vertont oder als Sujet für programmgebundene Instrumentalkompositionen verwendet werden, und umgekehrt gehören Beschreibungen musikalischer Eindrücke zu den regelmäßig wiederkehrenden Motiven in der Literatur. Für die Entstehung der hier vorliegenden 24 Kurzgeschichten bildet hingegen einer der berühmtesten Liederzyklen des 19. Jahrhunderts den „athmosphärischen Hintergrund“ – und dieses Konzept ist neu.
Während in der Winterreise der Text bzw. die Musik jedoch aus einer Hand herrühren und dadurch die dichterische bzw. kompositorische Homogenität gewährleistet ist, stammen die jeweils einem Lied gewidmeten Erzählungen jetzt von insgesamt 25 Schriftstellerinnen und Schriftstellern (einmal liegt eine „Co-Produktion“ vor): Jeder hat seinen persönlichen Stil, und dementsprechend handelt es sich nicht um ein geschlossenes Ganzes. Wie bei der Winterreise kreisen die zwischen zehn und zwanzig Seiten umfassenden Kurzgeschichten um das Thema „Tod“, aber jetzt werden immer wieder neue Schicksale vorgestellt, und vermutlich sind die vielen dabei zu beklagenden Opfer eine Folge des relativ großen Anteils von Krimiautorinnen und -autoren. Im Unterschied dazu sorgen die einsamkeitstrunkenen Bilder von Stefanie Roth für eine optische Klammer.
Es liegt in der Natur der Sache, dass für die Geschichten die textliche Seite des Zyklus’ im Vordergrund steht, und wenn sich doch ein Lied in die Handlung „verirrt“ hat, so wirkt das manchmal eher wie ein Versatzstück und nicht als unbedingt notwendig. Ob z. B. in Der stürmische Morgen ein Anrufbeantworter gerade dieses Lied als Erkennungsmelodie abspielt oder etwas anderes, ist im Grunde unerheblich.
Der Lindenbaum ist – nicht zuletzt durch die verkürzte Volksliedbearbeitung – das berühmteste Lied aus dem Zyklus, und naheliegender Weise wird man sich besonders für den damit zusammenhängenden Text (Mischa Bach) interessieren. Inmitten einer deutschen Kleinstadt erhebt sich eine Linde über einem Brunnen, und just hier soll der unglücklich verliebte Wilhelm Müller seinen Gedichtzyklus geschrieben haben. Verschiedene Handlungsstränge werden virtuos zusammengepuzzelt, und die ehebrecherische Geschichte, an deren Ende immerhin fünf Tote zu beklagen sind, ist zweifellos ein kleines Kabinettstück. – Den Anspruch einer „melancholischen Geschichte“ erfüllt in besonderem Maße Der Leiermann von Jürgen Otten, welcher den todkranken Schubert einen fiktiven Abschiedsbrief an eine frühere Geliebte schreiben lässt. Barbara Sichtermann sinniert schließlich im Nachwort über die „Kulturgeschichte der Schmerzensäußerung“ und über das Weinen – ein höchst lesenswerter Beitrag zum Thema Trauerarbeit.
Unabhängig von einer schriftstellerischen und künstlerischen Bewertung stellt das Buch eine bibliothekarische Herausforderung dar, über die man fast eine Hausarbeit schreiben könnte: Gehört es als wirkungsgeschichtlicher Beitrag zu Franz Schubert tatsächlich in die Musikabteilung, oder muss man den Band nicht lieber den für die „Schöne Literatur“ zuständigen Kollegen zur Einarbeitung geben? Selbst unsicher geworden, muss es der Rezensent dem fachkundigen Wissen der Kollegen überlassen.

Georg Günther
Zuerst veröffentlicht in FORUM MUSIKBIBLIOTHEK 26 (2005), S. 240ff.

 

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