Bernhard von Becker: Bernstein loves Pop. Wie die Pop-Musik 1966 plötzlich erwachsen wurde [Michael Stapper]

Becker, Bernhard von: Bernstein loves Pop. Wie die Pop-Musik 1966 plötzlich erwachsen wurde. – Würzburg: Königshausen & Neumann, 2016. – 176 S., zahlr. s/w-Fotos (Plattencover)
ISBN 978-3-8260-6002-1 : € 19,80 (Softcover)

Bernhard von Becker feiert Geburtstag. Nicht seinen eigenen, doch beteiligt er sich mit einer Festschrift an der fünfzigsten Wiederkehr eines kulturellen Großereignisses. Die Jubilarin heißt Pop-Musik und ließ ihre Kindheit im Jahr 1966 mit einigen spektakulären Aktionen unerwartet schnell hinter sich. Aufgearbeitet wird das Jahr der Volljährigkeit von Bernhard von Becker, einem in München wohnenden Verlagsjuristen. Der 1963 geborene Autor hat bereits 2014 mit der Veröffentlichung von Babyboomer (Suhrkamp) berühmten Zeitgenossen seiner Generation ein Porträt gewidmet. Der Blick auf die Musik der Zeit, in der diese Babyboomer geboren und groß geworden sind, liegt da nahe.
Von Beckers Blick ist auf das Jahr 1966 fokussiert. Hier entdeckt er popmusikalische Neutöner wie Velvet Underground und Frank Zappa, sich emanzipierende Rockstars wie Eric Clapton, bildende Künstler wie Andy Warhol, den künstlerischen Horizont erweiternde Bands wie Cream, Beatles, Stones und Beach Boys, zu einsiedlerischen Exzentrikern mutierende Stars wie Bob Dylan und viele mehr. Sie alle wagten einen Schritt hinaus in neue Klang- und Bewusstseinswelten, wurden gierig aufgenommen von einer Jugendbewegung, die mit ihrer neu gewonnenen Freiheit immer mehr ins Zentrum der Gesellschaft rückte und dabei großflächige mediale Aufmerksamkeit erfuhr. Und tatsächlich war es ein Jahr der Umbrüche. Viele Musiker nutzten die Möglichkeiten der modernen Studiotechnik, experimentierten mit Melodien, Instrumenten, Rhythmen, Drogen, politischen Statements. Manch einer orientierte sich an klassischer Formen- und Klangfarben, andere entwickelten hochliterarische Texte. Selbst die kreative Zerstörung des eigenen Images, wie sie Bob Dylan vollzog, erfuhr neben aggressiver Abwehr durchaus auch breite Zustimmung.
Von Becker folgt diesen musikalisch-gesellschaftlichen Großtaten mit spürbarer Begeisterung. Sein Schreibstil ist flüssig, sicher und bestens lesbar, der Umgang mit dem Wort ist sicherlich auch seiner Verlagstätigkeit geschuldet. Mit großer Fachkenntnis, teilweise akribisch, beschreibt er Musiker und Werke, blickt zwar überwiegend nach Großbritannien und in die USA, lässt aber auch mit einem Beitrag zu Udo Jürgens das europäische Festland nicht außen vor. Obwohl dies fundiert recherchiert und gut lesbar ist, werden nicht alle Erwartungen an das Buch erfüllt. Der Auffassung etwa, die Popmusik sei volljährig geworden, liegt eine am klassischen Kunstideal geschulte Denkweise zugrunde. Erst wenn die Musik die scheinbar trivialen und banalen musikalischen und textlichen Strukturen überwunden habe, könne sie ernst genommen werden. Mit Blick auf spätere Gegenbewegungen, etwa in der Folk- und Punkmusik, kann diese Denkweise durchaus in Frage gestellt werden. Doch auch wenn man diese Sicht akzeptiert, greift von Beckers Betrachtung in manchen Fällen nicht tief genug. Seine Ausführungen sind inhaltlich korrekt, entsprechen aber der vorherrschenden Meinung popmusikalischer Geschichtsschreibung. Selten gehen sie über bereits bekannte Fakten hinaus. Natürlich ist es richtig, Pet Sounds von den Beach Boys ausführlich zu erwähnen. Aber auch das gleichnamige Debüt der Incredible String Band, Stevie Wonders Up-tight oder Roy Harpers Sophisticated Beggar hätten ebenfalls als Weggefährten in die Volljährigkeit herangezogen werden können. Einer weiter gehenden Betrachtung würdig wären auch die historischen Linien gewesen, die zu den besprochenen Meisterwerken geführt haben. Zwar geht von Becker in kurzer Form auf die Vorgeschichte ein, doch beschränkt er sich meistens auf biografische Angaben. Wenn sich der Autor ab S. 29 bspw. dem Blues widmet, hätte er auch weiter ausholen und auf die Skiffle-, Folk- und Trad-Jazz-Bewegung im Großbritannien der 1950er Jahre eingehen können, die Mitverantwortung für den britischen Blues-Boom tragen. Auch Bob Dylans Hinwendung zum Country & Western mag zwar für manche Hörer spektakulär gewirkt haben, ist vor dem Hintergrund der Melange von Blues, Tin Pan Alley, Boogie Woogie und eben Country & Western, aus der sich die amerikanische Pop- und Rockmusik entwickelt hat, durchaus nachvollziehbar. Andererseits aber läuft von Becker gerade in seinen detaillierten, begeisterten Ausführungen zu Dylan zu einer Hochform auf, die den dokumentarischen Stellen in dem Buch öfters gutgetan hätte. Zu guter Letzt sei auf zwei inhaltliche Punkte hingewiesen, die in der Werbesprache durchaus auch als Störer bezeichnet werden könnten. Zum einen ist die Aufnahme von Elvis‘ Gospelalbum aus dem Jahr 1966, How great thou art, durchaus diskussionswürdig, da es nur bedingt als umstürzlerisches Album bezeichnet werden kann; zum anderen fallen im Lesefluss einige subjektive Äußerungen auf, die dem beschreibenden Grundtenor widersprechen: Eric Clapton sei der „größte Solo-Performer, den die Pop-Musik hervorgebracht habe“ (S. 31), Strawberry Fields der größte Song, der je geschrieben wurde (S. 93) – diese Aussagen aber würzen den Text und könnten Anlass für stundenlange Diskussionen im Anschluss an die vergnügliche Lektüre von Bernstein loves Pop sein.

Michael Stapper
München, 04.09.2016

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