Jörn Rieckhoff: Mendelssohns Ouvertüre zum Sommernachtstraum [Peter Sühring]

Rieckhoff, Jörn: Mendelssohns Ouvertüre zum Sommernachtstraum. Mechanismen der Rezeptionsgeschichte: Musik und Literatur in der Romantik – Frankfurt/Main: Peter Lang, 2013. – 232 S.: Notenbsp.
ISBN 978-3-631-60771-8 : € 46,95 (geb.)

Ein erstaunliches Buch, mit dem sein Autor im Jahr 2009 in Freiburg promoviert wurde, das aber über den Zweck der akademischen Lizenz hinaus einen eigenständigen Forschungsbeitrag darstellt und einen gehörigen Fortschritt unternimmt, weit hinaus über den bisherigen Stand im Nachdenken über Mendelssohn. Das Buch ist Mehreres in Einem: erstens die Entstehungsgeschichte eines Werkes Mendelssohns aus dem Jahr 1826, das dessen internationalen Ruhm eigentlich begründete, zweitens eine Geschichte der frühen Rezeption dieses Werkes samt ihrer Missverständnisse, die das Mendelssohn-Bild bis heute prägen, und drittens eine detaillierte Formanalyse der Ouvertüre, die endlich über das bisherige schematische Überstülpen der deutschen Sonatenhauptsatzform über das musikalische Geschehen hinausweist, vielmehr dieses bisherige Verfahren als völlig untauglich beweist. In allen drei Bestandteilen seiner Arbeit weiß Rieckhoff empfindliche und wesentliche Irrtümer und Fehlinterpretationen in der Vergangenheit aufzudecken und neue Interpretationshorizonte zu gewinnen, so dass wir es hier mit einer jener relativ seltenen Doktorarbeiten zu tun haben, die wegen ihrer tiefgreifenden Methode und Resultate langfristig wirken sollten. Sie könnte nicht nur die Mendelssohn-Forschung weiterbringen und von Irrwegen befreien, sondern auch die gesamte Gattung der Konzertouvertüre nach literarischen Vorlagen neu beleuchten, und sie betrifft letztlich generell das Verhältnis von Musik und Literatur überhaupt.
Bisher hat man allgemein Mendelssohns Konzert-Ouvertüre zu Shakespeares Sommernachtstraum als den Geniestreich eines Jünglings betrachtet, den er völlig unvorbereitet und unverhofft im Juli 1826 landete. Zwar kann (und will) auch Rieckhoff diese Legende nicht vom Musikalischen her destruieren (was leicht dadurch möglich wäre, dass man auf Mendelssohns vorangehende fünf Bühnenmusiken zu Singspielen und Opern verwiese), aber er kann genügend Material herbeischaffen, das belegt, wie intensiv sich Mendelssohn vom Literarischen her mit Shakespeares Stück beschäftigt hat und wie er schon vor dem bisher als Stichtag des Kompositionsbeginns angesehenen Datum die Ouvertüre komponiert hatte und sogar im privaten Kreis aufführen ließ.
Wird heute einmal selten genug die gesamte Schauspielmusik zum Sommernachtstraum gespielt, deren auf die Ouvertüre folgenden Stücke erst 17 Jahre später komponiert und aufgeführt wurden, so benutzt man, was schwerlich zu beanstanden ist, als Textgrundlage für die Szenen, in denen Mendelssohns Musik erklingen soll, die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel ausschließlich in der Revision von Ludwig Tieck. Die Folgen davon, dass zum Zeitpunkt der Entstehung der Ouvertüre die Tiecksche Revision noch nicht erschienen war und Mendelssohn in seiner Konzertmusik noch der Figurenanordnung, der Szenenfolge und dem Wortlaut bei Schlegel folgte, sind nach Rieckhoff nicht unerheblich. Er diskutiert deshalb die Frage, ob und wie weit für die Ouvertüre, die Mendelssohn später in die Schauspielmusik integrierte, und den Rest der Bühnenmusik gleiche oder unterschiedliche Konzeptionen galten.
Nach ihrer ersten öffentlichen Aufführung in Stettin im Februar 1827 unter Carl Loewe nahm die Ouvertüre, begleitet von publizistischem Feuer der Freunde und Feinde, ihren unaufhaltsamen Weg in die Konzerthäuser Europas. Ein romantisch-deutschtümelndes Verständnis Shakespeares war gerade en vogue. Wie sehr sich Mendelssohn aber nicht an die Zeitgeist-Propaganda, sondern an den Wortlaut der Schlegelschen Übersetzung hielt, kann Rieckhoff plausibel machen. Gerade die anhaltende Euphorie über Mendelssohns Sommernachts-Ouvertüre führte nicht nur zur Abwertung und Missachtung von Mendelssohns Musik vor diesem qualitativen Sprung in der Publikumswirksamkeit seiner Musik, sondern auch zu einer Abwertung seiner Musik, die er nach diesem ersten Höhepunkt komponierte, so als wäre er über die musikalische Charakteristik, die in dieser Ouvertüre steckt, nie hinausgelangt. Diesen Mechanismus in der Rezeption, eine Politik vergifteter Komplimente über den jugendlichen Mendelssohn, der sich nicht mehr wesentlich weiter entwickelt habe, kann Rieckhoff aufdecken und als Quelle bis heute andauernder Vorurteile ausfindig machen.
Was die Analyse der formalen Gliederung der Ouvertüre betrifft, so kann Rieckhoff nachweisen, dass sie in ihrem aneinandergereihten Ablauf dem Geschehen des Dramas folgt, dass die Themen, Motive, harmonikalen Metamorphosen und rhythmischen Gestalten der theatralischen Verlaufsform folgen und nicht einem abstrakten Formmodell, etwa der auf Konzertouvertüren gerne angewandten, sogenannten Sonatenform, von der es angeblich nur eine einzige gegeben haben soll. Es ist das äußerst produktive Prinzip Rieckhoffs, nicht spätere Sonatenmodelle, etwa das bis heute gültige von Adolph Bernhard Marx von 1845, zum Maßstab zu nehmen, sondern zur Entstehungszeit von Mendelssohn Ouvertüre virulente Kompositionsmuster von Heinrich Christoph Koch und Anton Reicha zu diskutieren. Rieckhoff kommt zur Einsicht in einen „reihenden Charakter als übergreifendes Gestaltungsprinzip“ und nobilitiert damit die Adjunktion als legitime, substantielle und qualitative Kompositionstechnik, die vor Mendelssohn besonders von Mozart favorisiert wurde, um außermusikalischen dramatischen Abläufen oder poetischen Assoziationen ein musikalisches Äquivalent zu geben. Ein weiteres Rätsel der unausgesprochen gebliebenen musikalischen Poetik Mendelssohns scheint damit gelöst, und diese Lüftung eines Geheimnisses sollte entsprechend gewürdigt werden. Dass damit noch nicht alle Fragen im Verhältnis von Ouvertüre und Schauspielmusik zu Shakespeares Sommernachtstraum von Mendelssohn geklärt sind, versteht sich von selbst. Der Verleihung des Doktortitels sollte aber eine breite und produktive Rezeption von Rieckhoffs Überlegungen folgen.

Peter Sühring
Berlin, 15.04.2014

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