Eliyahu Schleifer: Samuel Naumbourg. Kantor der französisch-jüdischen Emanzipation [Peter Sühring]

Schleifer, Eliyahu: Samuel Naumbourg. Kantor der französisch-jüdischen Emanzipation / Aus dem Engl. von Marion Ahl. – Berlin: Hentrich & Hentrich, 2013. – 64 S.: Abb. (Jüdische Miniaturen ; 136)
ISBN 978-3-95565-023-0 : € 6,90 (kt.)

Die deutsche Übersetzung der Miniatur über den Dritten im Bunde der drei einflussreichsten Kantoren rundet die Vorstellung der bedeutendsten europäischen Synagogenkantoren des 19. Jahrhunderts ab: Samuel Naumb(o)urg (1817–1880), der Bayer in Paris, war neben dem Wiener Sulzer und dem Berliner Lewandowski wichtigste Reformer der Synagogalmusik in Europa. Das englische Original war 2012 im gleichen Verlag erschienen.
Schleifer schildert die erstaunliche Laufbahn Naumbourgs vom „Singerl“ im liturgischen Terzett einer bayerischen Landgemeinde, über Ausbildungs- und Wanderjahre in Besançon, Straßburg und München bis nach Paris, wo er dann als Kantor der dortigen Hauptgemeinde großen Einfluss auf die Entwicklung der Synagogenmusik in ganz Europa nahm, weil es sein Ziel war, die gesamten Traditionen der liturgischen Musik in den jüdischen Gemeinden Europas, seien sie nun sephardischen oder aschkenasischen Ursprungs, unter reformerischen Gesichtspunkten zu vereinheitlichen. Zuvor hatte er vielerlei Gewohnheiten in verschiedenen Gemeinden kennen, schätzen und verachten gelernt. Es war sein Bestreben, die ursprünglich schöne und schlichte, aber ausdrucksstarke Gestalt des antiken althebräischen Tempelgesangs, der durch die Zerstreuung und durch die ausschmückenden und verunstaltenden Zutaten in den Synagogengemeinden West- und Osteuropas verschüttet war, wiederzubeleben und ihn einer vorsichtig modernen Harmonisierung zu unterziehen, so dass er mit dem Leben der in den europäischen Gesellschaften lebenden emanzipierten Juden im Einklang stehen konnte. In seiner Münchener Zeit hatte er – selbst aus einer süddeutschen Kantorenfamilie stammend – enge Berührung mit den lokalen Traditionen, wie sie durch die Kantoren Löw Sänger (Traditionalist) und Maier Kohn (Reformer) verkörpert wurden. Schon letzterer hatte von der emanzipationswilligen Gemeinde den Auftrag, die vorherrschende Willkür, die zu allerlei Spott über die jüdische Musik bei den Nichtjuden Anlass bot, zu beseitigen und die Musik in den Münchener Synagogen in die Hände eines geschulten Vorsängers und eines ausgebildeten Chores zu legen. Nur reichten Kohns musikalische Kenntnisse nicht aus, um dieses Reformwerk zu vollenden. Naumbourg erkannte der Notwendigkeit einer historisch fundierten grundlegenden Ausbildung in Theorie und Geschichte der Musik. In Paris gewann er dann aufgrund eigener historischer Forschungen einen sehr viel größeren Horizont und fing an, die besten Gesänge aus den verschiedenen Traditionen zu sammeln, sie von überladenem Zierrat zu befreien, neue eigene Gesänge zu komponieren und sie in vier großen Sammelwerken für den synagogalen und den häuslichen Gebrauch herauszugeben. Schleifer schildert die verschiedenen Stadien und Stufen dieses Lernprozesses bei Naumbourg bis hin zu weit ausholendem historischen Wissen und kompositorischer Meisterschaft. Zu den Fragen der antiken, von den Hebräern verwendeten Tonleitern und Tongeschlechter und deren Intervalle sowie zum Gebrauch der Orgel im zeitgenössischen jüdischen Gottesdienst hatte Naumbourg dezidierte Ansichten. Seinen anfänglichen Widerstand gegen die Orgel in der Synagoge gab er auf und veröffentlichte später sogar hebräische Lieder für den sakralen Hausgebrauch mit Klavierbegleitung.
Es gibt etliche Aspekte, die Schleifers Darstellung auch für nichtjüdische Leser interessant machen und besonders die Stellung der jüdischen Musik in der europäischen Musikgeschichte betreffen. Erstens gehörte Naumbourg zu den Wiederentdeckern Salomone Rossis (ca. 1570–1630), des italienisch-jüdischen Komponisten der Spätrenaissance und des italienischen Frühbarock, der in Mantua wirkte und einen großen Zyklus von hebräischsprachigen Madrigalen für den Synagogen- und jüdischen Hausgebrauch komponierte, die heute zum Schatz der europäischen Kunstmusik gehören. Naumbourgs Aufruf, weitere alte Stimmbücher der Kompositionen Rossis zu suchen und ihm zu übermitteln (eine fragmentarische Sammlung war ihm von Baron de Rothschild vermacht worden) wurde erhört, und er beauftragte dann Vincent d’Indy, eine erste Ausgabe der Werke Rossis herauszugeben. Zweitens war es hundert Jahre nach Rossi von christlicher Seite der venezianische Komponist Benedetto Marcello, der für seine Psalmvertonungen auf alte hebräische Gesänge zurückgriff und sie damit restaurierte und feinsinnig kompositorisch verarbeitete. Naumbourg hat auch diese Werke als Quelle seiner Forschungen benutzt. Drittens gelang es ihm, berühmte jüdische zeitgenössische Komponisten in Paris, vor allem Halévy, in geringerem Umfang auch Meyerbeer und Alkan, dafür zu gewinnen, schön gesetzte liturgische Gesänge zu komponieren, die er in seine Sammlungen integrieren konnte.
Naumbourgs historische Forschungen und Ansichten über die ursprüngliche Kantillation der Thora, über die talmudischen und mittelalterlichen Quellen zum hebräischen Gesang in biblischen und nachbiblischen Zeiten, ihre Wechselbeziehungen zur griechisch-römischen Kultur und zum römisch-katholischen Kultus, werden von Schleifer präzise zusammengefasst. Sein literarischer Stil ist so wie er es über den Naumbourgs sagt: „klar, anschaulich und einnehmend“.

Peter Sühring
Berlin, 09.02.2014

 

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