Jascha Nemtsov und Hermann Simon: Louis Lewandowski. „Liebe macht das Lied unsterblich“ [Peter Sühring]

Nemtsov, Jascha und Hermann Simon: Louis Lewandowski. „Liebe macht das Lied unsterblich“ – Berlin: Hentrich & Hentrich, 2011. – 63 S.: Abb. (Jüdische Miniaturen; 114)
ISBN 978-3-942271-38-7 : € 6,90 (kt.); (auch in engl. Sprache ISBN 978-3-942271-50-9)

Zu einer Zeit, in der selbst christliche Chöre beginnen, die deutschsprachigen Psalmvertonungen Louis Lewandowskis (1821–1894), deren Melodie an deutsche Lieder im Volkston gemahnen (sollen), zu singen, weil sie so schön und beliebt sind, ist es wohl angebracht, dass Lewandowski auch in der internationalen jüdischen Synagogalmusik den Platz einnehmen kann, der ihm gebührt. Aber welcher Platz gebührt ihm? Darüber versucht das Bändchen der Jüdischen Miniaturen mit musikhistorischem Sachverstand erfolgreich aufzuklären.
Zunächst steuert Hermann Simon, Direktor des Centrum Judaicum und Herausgeber der Jüdischen Miniaturen, einige allgemeine Betrachtungen über den heute unentbehrlich gewordenen Beitrag Lewandowskis zur synagogalen Liturgie, ihre Ausgestaltung mit Orgel und Chorgesang sowie einige autobiografische Reminiszenzen bei, die auch das Lewandowski auf seinem Grabstein in Berlin Weissensee von seiner Familie nachgerufene Motto: „Liebe macht das Lied unsterblich“ in seiner Doppeldeutigkeit erklären helfen. Gemeint ist wohl, dass das (synagogale) Lied hilft, die (Gottes- und Menschen-) Liebe unsterblich zu machen, aber nur, wenn ihrerseits die Liebe ständig neu das Lied (oder neue Lieder) hervorbringt. Auch die hübsche Geschichte von der 30-Pfennig-Briefmarke mit Lewandowskis Portrait, die in Ermangelung anderer staatstragender Motive noch im September 1990 von der Deutschen Post der DDR (die nicht ständig die „ehemalige“ genannt zu werden bräuchte, weil jeder weiß, dass dieser Staat 1991 unterging) herausgebracht wurde, wird hier erzählt.
Zu einer dezidierten historischen Gewichtung des Phänomens Lewandowski und der aktuellen Bemühungen um seiner Wiederbelebung in der heutigen liturgischen Musik der Synagoge geben die fünf Kapitelchen des Pianisten und Musikwissenschaftlers Jascha Nemtsow Anlass. Gestützt auf schon vorhandene Darstellungen jüdischer Musikhistoriker wie Abraham Zwi Idelsohn, Magnus Davidson und Eric Werner kann Nemtsow, obwohl die Quellenlage sehr lückenhaft und dünn ist, Lewandowski nicht nur in die Tradition der innerjüdischen Reformbewegung im 19. Jahrhundert stellen, sondern auch die eigentlichen Neuerungen benennen, die er, zum Teil mit brachialen machtpolitischen Mitteln, durchsetzte. Obwohl er die Chasanut, das kantorale Rezitativ des Vorbeters restaurierte, ihre Melodien penibel festlegte, beschränkte er sie auch zugunsten eines die Liturgie weiter ausschmückenden mehrstimmigen Chorgesangs und gab kanonisch gewordene Liturgie-Gesangsbücher mit und ohne Begleitung der Orgel für die hohen und niederen jüdischen Feiertage heraus: Kol Rinnah u-T’fillah (1871) und Todah Wsimrah (1876). Sie sind, zusammen mit seinen hebräisch-sprachigen Psalmvertonungen, als geglückte Versuche anzusehen, die typischen alt-jüdischen Intervallschritte und -folgen zu bewahren und sie in damals zeitgemäße, vornehmlich aus der deutschen klassisch-romantischen Tonkunst entnommene Harmonien in der Tradition Mendelssohns einzubetten. Diese Werke hatten wiederum Einfluss auf die Gestaltung jüdischer Themen bei Carl Loewe und Max Bruch. Lewandowskis Kanonisierung der reformierten und liberalen Synagogenliturgie sind unverkennbar Ausdruck der im 19. Jahrhundert zunächst siegreichen Tendenz, den jahrtausendealten Gesang des jüdischen Tempels und der Synagoge der Diaspora den Bedingungen der geforderten oder auch von jüdischer Seite erwünschten Assimilation anzupassen und ihn mit mitteleuropäischen Traditionen in eine fragwürdige Symbiose zu setzen. Wie wenig diese edelmütigen Bestrebungen von der Mehrheit der Deutschen auf Dauer respektiert und akzeptiert wurden, wie sehr dieser Wunsch nach einer Symbiose eine Illusion war, machte das weitere Schicksal der jüdischen Gemeinden in Deutschland, ihre Vernichtung im 20. Jahrhundert durch den Hass der christlich-deutschen Mehrheitskultur auf alles Jüdische deutlich. Heute sich dieser Tradition Lewandowskis wieder zu erinnern, sie eingedenk ihres Scheiterns und ihrer historischen Bedingtheit und unter Distanzierung von ihrem Absolutheitsanspruch neben anderen alten und neuen Reformbestrebungen wieder zu praktizieren, ist aber durchaus wünschenswert. Eine weltweite Restitution der synagogalen Liturgie und auch konzertanten Musik Lewandowskis ist im Gange und wird außer von diesem, alle damit verbundenen Probleme nicht ausklammernden Büchlein auch von dem nun schon zum zweiten Mal stattfindenden „Internationalen Festival synagogaler Chormusik“ im Dezember dieses Jahres in Berlin unterstützt.

Peter Sühring
Berlin, 28.10.2012

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