Peter Sühring: Gustav Jacobsthal. Ein Musikologe im deutschen Kaiserreich [Ingeborg Allihn]

Sühring, Peter: Gustav Jacobsthal. Ein Musikologe im deutschen Kaiserreich. Musik inmitten von Natur, Geschichte und Sprache. Eine ideen- und kulturgeschichtliche Biografie mit Dokumenten und Briefen. – Hildesheim [u.a.]: Olms, 2012. – 753 S.
ISBN 978-3-487-14712-3 : € 58,00 (geb.)

Seit Peter Sühring im Jahr 2000 erstmals auf Gustav Jacobsthal und seine Schicksale (CONCERTO 17, 2000, H. 152, S. 16-22) aufmerksam machte, haben ihn Leben und Schaffen des ersten deutschen ordentlichen Professors für Musikwissenschaft nicht mehr losgelassen. Inzwischen sind aus Sührings Feder zahlreiche Einzelstudien zu Jacobsthal (1845-1912) erschienen, u.a. 2010 – ebenfalls im Olms Verlag – die Publikation Übergänge und Umwege in der Musikgeschichte. In ihr wird das enorm breite Spektrum der europäischen Musikgeschichte, das Jacobsthal während seiner 33 Jahre andauernden Forschungs- und Lehrtätigkeit an der Straßburger Universität erarbeitet hat, umfassend dokumentiert und hochinteressant kommentiert. Mit vorliegender Veröffentlichung gibt es nun endlich auch eine akribisch recherchierte, umfangreich dokumentierte und kenntnisreich kommentierte Biografie dieses so lange von den Nachgeborenen ignorierten Musikologen im deutschen Kaiserreich. In seinen Vorbemerkungen betont Sühring, dass es ihm in dieser „Gelehrten-Biographie“ nicht darum geht, „Jacobsthal über andere triumphieren zu lassen oder ihn zu einem verkannten Propheten im eigenen Lande zu stilisieren.“ (S.13) Sühring ist diesem Vorsatz auf allen 723 Seiten treu geblieben!
Die ideen- und kulturgeschichtliche Biografie ist in sechs Kapitel unterteilt: I. Das familiäre Umfeld mit den Unterkapiteln 1. Der akademische Clan Jacobsthal und 2. Der jüdische Aspekt; II. Das akademische Feld mit den Unterkapiteln 1. Genealogien und Institutionen und 2. Jacobsthals Epistemologie und Methodik; III. Die großen Themen mit den Unterkapiteln 1. Vollendetes (aber Wirkungsloses) und 2. Torsi; IV. Die kleinen Themen; V. Epigonales Komponieren?; VI. Die Irrungen und Wirrungen der Nachwelt mit einer umfangreichen Quellenedition von Lebenszeugnissen, Briefen und Dokumenten. Es folgt eine umfangreiche Chronik von Jacobsthals Leben und Forschen auf dem Hintergrund von Politik, Wissenschaft und Kunst, angefangen im Jahr 1782 mit Johann Friedrich Reichards Aufsätzen zur Kirchenmusik und endend mit der seit dem Jahr 2000 begonnen Erschließung des seit 1916 zum Bestand der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz gehörenden Nachlasses von Gustav Jacobsthal. Wesentliche Teile dieses umfangreichen Materials hat Sühring bereits inhaltlich geordnet, diplomatisch transkribiert, kritisch kommentiert und in oben erwähnter Publikation veröffentlicht. Die in vorliegender Biografie beschriebenen großen und kleinen Themen beruhen hierauf. Ein Anhang mit dem Abkürzungs- und Literaturverzeichnis sowie ein Personenregister ergänzen das Buch.
Entstanden ist ein sehr lebendiges Bild von dem Menschen und Wissenschaftler Jacobsthal. Eingebettet in die Zeit- und Kulturgeschichte beschreibt Sühring minutiös den spannenden „Jacobsthalschen Familienroman, an dem Sigmund Freud seine Freude gehabt [….] hätte“ (S.16). Dabei stützt er sich besonders auf die überlieferten Lebenserinnerungen von Gustav Jacobsthals Sohn Erwin (1879-1952), einem in Hamburg und Guatemala tätigen Arzt und Bakteriologen. Kurz werden die Akademiker des Familienverbandes Jacobsthal porträtiert, unter denen sich etliche bemerkenswerte Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen befinden. Überzeugend gelingt es dem Autor, das Spannungsfeld zwischen Assimilations-Bemühungen und jüdischer Selbstbehauptung zu beschreiben, in dem Jacobsthal seine akademische Laufbahn beginnt und nach 33 Jahren unermüdlicher Tätigkeit, gesundheitlich zerrieben, beendet. Im Mittelpunkt der Biografie steht Jacobsthals unglaublich weitgefächertes musikgeschichtliches Forschungsfeld, das sich von der Antike und der mittelalterlichen Mehrstimmigkeit, von Palestrina und Monteverdi über Joseph Haydn und Mozart bis zu Beethoven erstreckt. Immer wieder geht es Jacobsthal vor allem um das klingende Kunstwerk, um sein tatsächliches Erscheinen und „Wirken in Raum und Zeit“ (S. 489). Wobei „Unvoreingenommenheit beim Herangehen an die Phänomene sowie Vorsicht beim Generalisieren […] die Markenzeichen seines [Jacobsthals] Weges wissenschaftlicher Untersuchung“ sind. (S. 175) Es sind die Weichenstellungen in der Musikgeschichte, ihre Brüche und Abzweigungen, die Jacobsthal besonders interessiert haben. Wobei er stets ein Kind seiner Zeit geblieben ist: Er blieb dem klassizistischen Formenkanon des 19. Jahrhunderts verhaftet und beendete im Laufe der 1880er Jahre seine fortschrittsgläubigen Überlegungen.
Ausführlich diskutiert Sühring die auf einzelne Forschungsgebiete bezogenen Fragestellungen, z. Bsp. Die chromatische Alteration im liturgischen Gesang der abendländischen Kirche (wie der Titel des 1897 im Verlag Julius Springer in Berlin veröffentlichten Buches lautet) oder den Codex Montpellier. Absolut bereichernd ist Sührings Methode, Studien und Denkanstöße anderer Autoren, z. B. von Eduard Hanslick, Carl Stumpf, Max Weber oder immer wieder von Heinrich Bellermann, aber auch von Johann Wolfgang von Goethe oder Friedrich Nietzsche einzubeziehen. Stets setzt sich Sühring mit der vorliegenden Literatur auseinander, insbesondere mit dem Jacobsthal-Schüler Friedrich Ludwig oder dessen Schüler Friedrich Gennrich sowie mit Heinrich Besseler.
Der so lange vergessene Gustav Jacobsthal hat durch diese Biografie wieder eine Stimme bekommen, als „ein Mensch in seinem Widerspruch“ (S. 13) und ein Wissenschaftler, der ideenreich, beseelt vom Forscherdrang und unendlich fleißig musikgeschichtliche und kunstästhetische Phänomene entdeckte und sie präzise beschrieb.

Ingeborg Allihn
Berlin, 02.05.2013

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