Das Wagner-Lexikon / Hrsg. von Daniel Brandenburg (u.a.) [Ulrich Konrad]

Das Wagner-Lexikon / Hrsg. von Daniel Brandenburg, Rainer Franke und Anno Mungen – Laaber: Laaber, 2012. – 929 S.: Abb.
ISBN 978-3-89007-550-1 : € 128,00 (bis 31.3.2013, danach ca. € 148,00) (geb.)

Nur über Jesus und Karl Marx sei mehr geschrieben worden als über Richard Wagner, will der wissenschaftliche Volksmund wissen. Nachgeprüft hat diese Behauptung wohl noch niemand, vielleicht aus dem einfachen Grund, weil sie so plausibel scheint. Denn wo man seit über 150 Jahren und länger hinschaut, gibt es Veröffentlichungen über diesen Musiker. Freund und Feind des Komponisten sind sich zumindest in dem Punkt einig, dass für und gegen Wagner nur federbewehrt etwas auszurichten sei, ganz gleich, ob man Substantielles zur Sache beizutragen habe oder nicht. Die Crux der Wagner-Bibliographie liegt denn auch nicht allein in der unüberschaubaren Masse an Titeln, sondern in der Herausforderung, aus den häufig trüben Gewässern der Publikationsfluten das Lesens- und Wissenswerte herauszufiltern. Weil Meinungen am besten dort gedeihen, wo nicht Sachverstand und konkrete Kenntnisse den Gedankenstrom hemmen, und „des Meisters“ Welt- und Kunstanschauung sowie seine Musik für viele Liebhaber ohnehin nach wie vor mehr Glaubens- als Wissenssache sind, wird sich der Sumpf trivialer, ideologisch motivierter und am scheinbar guten Alten hängender Bekenntnisse nur schwer austrocknen lassen. Wenn aber im dritten Jahrhundert der Wagner-Rezeption etwas Not tut, dann sind es nüchterne Forschung und Entmythologisierung. Seit einigen Dezennien konnten auf dem mühsamen Weg einer methodenbewussten und kritisch reflektierten Wagner-Forschung bedeutende Fortschritte erzielt werden. Im allgemeinen Bewusstsein der „Wagnerianer“ ist davon bislang eher wenig angekommen.
Das Jubiläumsjahr 2013 bietet immerhin die Chance, an diesem Punkt voranzukommen. Zwar wird sich am Ende die Zahl an überflüssigen Schriften wieder um ein Erkleckliches erhöht haben, doch gewiss darf auch auf einen bescheidenen Zuwachs des Bestandes an erkenntnisfördernden, dauerhaften und hilfreichen Titeln gehofft werden. Zu den Publikationen, die nicht bloß dem engeren Zirkel der Kenner, sondern darüber hinaus dem ernsthaft interessierten Liebhaber von Nutzen sein werden, gehört dabei das im Auftrag des Forschungsinstituts für Musiktheater Thurnau herausgegebene umfangreiche Wagner-Lexikon. 74 Autorinnen und Autoren, darunter klangvolle Namen wie Udo Bermbach, Dieter Borchmeyer, Sven Friedrich oder Egon Voss, haben mit bemerkenswertem Erfolg den Versuch unternommen, in Artikeln zu 534 Stichwörtern von Ada, Adorno und Adriano über Magdalene, Magdeburg und Magnard bis zu Zukunftsmusik, Zürcher Kunstschriften und Zwischenaktmusik gesicherte Fakten und wesentliche Inhalte zu kompilieren und zusammenzufassen. Die lexikalische Form zwingt zu Auswahl und Verknappung, weswegen enzyklopädische Vollständigkeit von vornherein nicht anzustreben war. Den Herausgebern ist es jedoch gelungen, der suchenden Neugier ein hohes Maß an Fundstellen zu garantieren. Namentlich Beiträge zu politischen und gesellschaftsgeschichtlichen Lemmata, zu Bayreuther Institutionen, zu einigen zentralen kunsttheoretischen Begriffen und Schriften Wagners sowie zu (problematischen) Persönlichkeiten aus der Wirkungsgeschichte liest man mit ausgesprochenem Gewinn. Viele Artikel bieten solide Skizzen des Wissenstandes auf einem Niveau, das der beschriebenen Sache und dem Anspruch eines Nachschlagewerks völlig angemessen ist.
Gelegentliche Schwachstellen oder Fehler fallen zwar ins Auge, schmälern aber den positiven Gesamteindruck nur geringfügig. So lässt sich die Kürze des Artikels „Meyerbeer“ kaum rechtfertigen (auch „Shaw“ kommt zu knapp weg); warum es zu Wagners dichterischer und kompositorischer Arbeitsweise zwei Artikel geben muss, wenn sich die Darlegungen zu den Stichworten „Kompositionsprozess“ (S. 367ff.) und „Schaffensprozess“ (S. 642ff.) in ihren Aussagen weitgehend decken, erschließt sich dem Leser nicht; „Wiesbaden“ wird mit einem längeren Beitrag behandelt, obwohl der Ort in Wagners Biographie eine vernachlässigenswerte Rolle spielt, während „Würzburg“, immerhin für ein Jahr erste Wirkungsstätte des jungen Komponisten und Entstehungsort der Oper Die Feen, keinen Artikel erhält. Über „Wagner-Forschung“ ließe sich zweifellos Wesentlicheres und Profilierteres schreiben, und bei den Literaturangaben mancher Artikel vermisst man denn doch einschlägige Literatur (dass etwa im Kontext der um Zürich kreisenden Beiträge die gehaltvolle Dissertation Eva Martina Hankes von 2007 fehlt, ist unverständlich, und dies ist nur eins von mehreren Beispielen aus der insgesamt nicht umfassend verarbeiteten jüngeren Forschungsliteratur). Die Festspielmusik Beim Antritt des neuen Jahres 1835 wurde nicht am 31.12.1834 (S. 426), sondern am 1.1.1835 uraufgeführt; das „Widmungs-Exemplar“ des Siegfried-Idylls, gemeint ist die autographe Zweitschrift der Partitur, ist nicht mit „Symphonischer Geburtstagsgruß“ überschrieben (S. 703), sondern auf der ersten Notenseite mit dem Gattungstitel „Symphonie“ (der zitierte Ausdruck steht auf einer eigenen Titelseite gegen Ende eines längeren Dedikationsspruchs); die Arbeitsstelle der Wagner-Briefausgabe wurde 2009 von Erlangen nach Würzburg verlagert (S. 803).
Derartige Monita würden freilich überbewertet, sähe man sie nicht im richtigen Verhältnis zur Fülle und Reichhaltigkeit der gebotenen Informationen. Dem Wagner-Lexikon darf sich der Leser nämlich mit dem guten Gefühl anvertrauen, insgesamt zuverlässige Auskunft auf sehr viele Fragen zu erhalten. Mehr wird er nicht erwarten, denn auf alle Fragen zu Wagner gibt es ohnehin noch keine Antwort (und dürfte es auch so bald nicht geben).

Ulrich Konrad
Würzburg, 02.01.2013

 

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