Dieter Hildebrandt: Die Neunte. Schiller, Beethoven und die Geschichte eines musikalischen Welterfolgs

Hildebrandt, Dieter: Die Neunte. Schiller, Beethoven und die Geschichte eines musikalischen Welterfolgs. – München u. Wien: Hanser,  2005. – 366 S.
ISBN 3-446-20585-3 : € 24,90

Gemeinsam, doch ohne einander je begegnet zu sein, schufen sie einen beispiellosen musikalischen Welterfolg: Schillers Text und Beethovens Musik verbinden sich im Finale der 9. Sinfonie zu einem Meisterwerk, das 2002 zum „Weltkulturerbe“ erklärt wurde. Bis heute mobilisiert Beethovens Neunte die Massen, kein anderes Musikstück erreichte eine vergleichbare öffentliche Wirkung. Kein anderes wurde aber auch so verkitscht und entstellt. Freude schöner Götterfunken tönt aus jeder Ecke, als Handyklingelton ebenso wie als Werbeträger für alle nur denkbaren Produkte.
Dieter Hildebrandt, einer der besten deutschsprachigen Musikschriftsteller, zeichnet die Entstehung und die wechselvolle gemeinsame Karriere von Wort und Ton in einem wunderbaren Musikroman nach. Interessanterweise kommt er dabei ohne eine einzige Note aus. Hildebrandt ist ein lustvoller Erzähler, zwar gelegentlich selbstverliebt, aber glücklicherweise nur zu Beginn des ersten Kapitels etwas pathetisch, als er den 7. Mai 1824, den Tag der Uraufführung der Neunten, als „ein(en) Tag für das globale Gedächtnis, ein Datum aus dem Kalender der Menschheitsgeschichte, Vorgriff auf eine unbekannte Nachwelt“ (S. 21) bezeichnet. Doch der Schreck legt sich schnell, denn was nun folgt, ist fachlich fundiert, locker geschrieben, vergnüglich zu lesen und spannend wie ein Krimi.
Hildebrandts Enthusiasmus für den Gegenstand seiner Untersuchung zieht sich durch das gesamte Buch, und seine phantasievollen Umschreibungen oder Vergleiche lassen den Spannungsbogen auch in den etwas dürren Phasen der Rezeptionsgeschichte nicht abreißen. Was in Gestalt der 9. Sinfonie ein Welterfolg werden sollte, kommt – wenn man den Urhebern glauben will – zunächst ganz unspektakulär daher, nämlich als „ein schlechtes Gedicht und ein kompositorischer Mißgriff“ (S. 12).
Die Ode an die Freude ist ein Gelegenheitsgedicht, das Schiller in einer  glücklichen Lebensphase verfasst, befreit von den Zwängen am württembergischen Hof und überwältigt von der herzlichen Aufnahme in einem künstlerisch aufgeschlossenen Freundeskreis. Schnell gedruckt und bald dutzendfach vertont, wird das Trinklied – so Hildebrandt – fast zu einem „Gassenhauer“ (S. 122).
Erst 40 Jahre später vertont Beethoven Schillers Gedicht An die Freude für den Schlusschor seiner 9. Sinfonie. Er unterlegt den Text mit einer überaus einfachen Melodie, die sich fast ausschließlich im Tonraum einer Quinte bewegt und sehr leicht nachzusingen ist.
Die Rezeptionsgeschichte des Werks mit all ihren Wechselfällen blättert  der Autor im zweiten Teil seines Buches auf: vom Unverständnis des verstörten Publikums bei der Uraufführung über die anschließende Heldenverehrung und die Vereinnahmungen von Politik und Ideologie im Marxismus und Nationalsozialismus bis hin zu Stanley Kubricks Film Clockwork Orange, in dem sie als Terrorinstrument eingesetzt wird. Anschaulich malt Hildebrandt einige Szenen in der Wirkungsgeschichte der Sinfonie aus, darunter eine Aufführung am 18. März 1905, als „dem Werk eine neue historische Stunde“ schlägt und „es neuen Zielen dienstbar gemacht“ (S. 267) werden soll. „Ein revolutionäres Datum in der Geschichte der Rezeption der neunten Sinfonie. Schon der Ort der Aufführung signalisiert den Beginn eines ganz anderen Zugangs zum Werk, den Auftritt einer neuen Hörerschaft. Dreitausend Berliner Arbeiter versammeln sich in einem Brauereisaal, dem später so genannten Saalbau Friedrichshain. Ausgemergelte, abgearbeitete Gestalten strömen herbei, um die berühmte Sinfonie Beethovens zu hören. Oder auch: Das Proletariat nimmt ein Werk des klassischen Kulturerbes in Besitz, eine Schöpfung des deutschen Idealismus“ (S. 267). Doch auch das klassenkämpferische Vokabular des Arbeiterführers Eisner kann nicht viel bewirken. „Die neunte Sinfonie sei das Leitideal der proletarischen Bewegungen im Klassenkampf, sei Ansporn im Ringen um eine noch zu verwirklichende sozialistische Regierung“ (S. 270), versucht er die neue Hörerschaft auf das Werk einzustimmen. Doch einen Durchbruch erlebte die Neunte auch dadurch nicht. „Bei einer weiteren Darbietung knapp zwei Monate später blieben viele Plätze leer.“ (S. 270)
Dieter Hildebrandt kann nicht nur wunderbar erzählen, sondern auch scharfsinnig argumentieren. Als er der Frage nachgeht, ob Schiller seinen Text nicht eigentlich Ode an die Freiheit nennen wollte, zeichnet er die lange Geschichte der zensierten Freiheit nach und spinnt ein dichtes philosophisches Netz, um die These schließlich zu widerlegen und als „Subversionslegende“ (S. 223) zu entlarven.
Je näher Hildebrandt der Gegenwart rückt, desto knapper fallen die Kapitel aus. So bleibt beispielsweise die DDR-Rezeption der Neunten ganz ausgespart – ein gegenüber der Gesamtleistung aber unbedeutender Einwand. Dankenswerterweise hat der Autor seine Anmerkungen gebündelt und ans Ende gesetzt, gemeinsam mit einem Register, das den Zugriff auf den Band erleichtert.
So ist „Die Neunte“ als Nachschlagewerk ebenso zu gebrauchen wie als Buch zum Schmökern, denn manchmal kann die Geschichte eines Werks genauso aufregend sein wie sein Inhalt.

Friedegard Hürter
Zuerst veröffentlicht in FORUM MUSIKBIBLIOTHEK 26 (2005), S. 445ff.

 

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