Ereignis und Geschichte. Die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik, Darmstadt 1962-1994 [Rüdiger Albrecht]

Ereignis und Geschichte. Die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik, Darmstadt 1962-1994 / Hrsg. von Susanne Heiter und Dörte Schmidt. – München: edition text + kritik, 2025. – 559 S.: Farb- u. S/W-Fotos und Abb.
ISBN 978-3-96707-010-1 : € 48,00 (brosch.)

Ein gutes Menschenleben lang gibt es die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik nun schon. Gegründet wurden sie 1946 und seit bald 80 Jahren finden sie regelmäßig statt, anfangs jährlich, seit 1970 biennal. Und dass zwischen Wolfgang Steinecke, dem ersten Leiter und Thomas Schäfer, der die Ferienkurse seit nunmehr 17 Jahren leitet, nur drei weitere Amtsinhaber jeweils 14 bzw. 19 Jahre tätig waren, spricht für Stabilität und Kontinuität – von Ermüdung kann keine Rede sein. Die Institution „Darmstadt“ ist zu einem Synonym für eine Neue Musik geworden, die sich schon bald, nach frühen Jahren der Aufarbeitung, den Fortschritt auf die Fahnen geschrieben hatte. Dank steter medialer Beobachtung und Präsenz ließ sich „Darmstadt“ auch im Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit verankern. Erst in den letzten Jahren ist ein Rückgang darin zu konstatieren, dass generell nicht mehrheitsfähige, aber für eine lebendige Kultur überlebensnotwendige Unternehmungen mehr und mehr in die Nischen verwiesen werden.

Zum 50. Jahrestag der Ferienkurse, 1996, wurde zum ersten Mal in größerem Umfang Bilanz gezogen: in Form einer Dokumentation wichtiger Aufsätze und Vorträge, von Zeitzeugenberichten und einer Chronik der ersten 20 Jahre. Flankiert wurde diese Veröffentlichung von weiteren Sammelbänden, bei denen mal der dokumentarische, mal der anekdotische Aspekt, mal die orale Überlieferung in Form von aufgezeichneten Gesprächen überwog.

Diesen vielbeachteten Publikationen folgt nun, eine ganze Generation später, vorliegende umfangreiche wissenschaftliche Arbeit, die die Jahre von 1962 bis 1994 in den Blick nimmt. Die von Susanne Heiter, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Musik Nürnberg, und Dörte Schmidt, Professorin an der UdK Berlin, herausgegebene Schrift ist als Band 1 der dreiteiligen Reihe „Ereignis Darmstadt“ ausgewiesen, die wiederum von Dörte Schmidt und Pietro Cavallotti betreut wird. Die Reihe untersucht den Zeitraum 1964-1990, der indes schon vom ersten Band um 6 Jahre überschritten wird. Das Projekt ist das Ergebnis eines von der DFG geförderten umfangreichen Forschungsvorhabens, das über einen mehrjährigen Zeitraum eine größere Zahl an Mitarbeitenden und fachlicher Ressourcen eingebunden hat. Unter den hierbei quasi nebenher entstandenen Arbeiten sticht die Chronik der Ferienkurse heraus, die auf der Webseite des Instituts eingesehen werden kann (und die es sich lohnt, bei der Lektüre des Buches begleitend zu konsultieren).

Der verrätselte Buchtitel „Ereignis und Geschichte“ bezieht sich wohl auf eine eigens definierte Ereigniskategorie, wie man auf Seite 10 erfährt. Ohne nähere Erläuterung könnte ein Konglomerat von Momenten – Ereignissen – vermutet werden, die in einem Verlaufskontext, der Geschichte, Spuren hinterlassen haben. Plausibel ist das insofern, als dieses Forschungsprojekt nicht nur einzelne Konzerte, Tagungen, Vorträge und Veranstaltungen in den Blick nimmt, sondern diese im Rahmen der Geschichte der Ferienkurse einordnet und wertet und so Kontexte schafft. Die Autor*innen, neben den beiden Herausgeberinnen Kim Feser, breiten die Materialfülle in drei Hauptteilen des Buches aus. Der erste Teil bildet gewissermaßen einen Vorspann, der das Umfeld beleuchtet, in dem die Ferienkurse in dem zur Rede stehenden Zeitraum auf die Beine gestellt werden konnten – es geht um Organisatorisches, alles das, was die Kurse am Laufen hielt.

Ohne Dokumentation fällt das Ereignis dem Verschwinden, Vergessen anheim, entzieht sich dem Akt der Geschichtsschreibung. Bereits die Gründer der Musiktage um Wolfgang Steinecke erkannten eine daraus folgende Verpflichtung, der mit der Einrichtung eines Musikinformationszentrums für Neue Musik begegnet wurde. Hierzu gehörten eine Bibliothek, ein Pressearchiv, ein Tonträgerarchiv und anderes. Parallel erschienen ab 1958 die Darmstädter Beiträge für neue Musik, ein Periodikum, das einzelne Kursjahrgänge mit dem Abdruck wichtiger Vorträge und Aufsätze dokumentierte. Dieser Aspekt wird im zweiten Teil des Buches genauer unter die Lupe genommen in Form einer Dokumentation der Dokumentation, die nun mit dem Blick zurück Zusammenhänge zu schaffen vermag. Die weiteren Kapitel widmen sich dem 1984 eingerichteten Komponistenforum, statistischer Auswertung von Teilnehmerlisten und einigem mehr, stets auf der Grundlage von umfangreichen Recherchen im Archiv des Internationalen Musikinstituts Darmstadt (IMD). Die zwei folgenden Hauptteile, die der Ära Ernst Thomas von 1962 bis 1980 sowie der Ära Friedrich Hommel in den Jahren 1981 bis 1994 gewidmet sind, wenden sich den inhaltlichen (musikalischen) Themenbereichen zu. Obwohl die Ära Thomas mit 19 Jahren die bislang längste Leitungsphase blieb und von nicht wenigen inneren und äußeren Erschütterungen geprägt war, etwa der Infragestellung von Hierarchien im Gefolge der Studentenbewegung und – nach innen – der Abkehr vom Fortschrittsdenken in der Mitte der 1970er Jahre, bleibt sie für den Lesenden blasser als die vorausgehende und die nachfolgende Ära. Und wenn es auch nur den Anschein hat: Die Person Hommel tritt vor dem Auge des Lesenden deutlich konturierter in Erscheinung als sein Vorgänger. Kim Feser jedenfalls gelingt es, die Diskussionen, Entwicklungen und Verwerfungen jener Jahre plastisch abzubilden und zu strukturieren.

Ein Einwand, der nicht nur speziell dieses Buchprojekt betrifft, sei an dieser Stelle gestattet: Die Herausgeberinnen entschieden sich, die Mitschnitte von Wortbeiträgen einzelner Veranstaltungen nicht als bereinigten Lesetext, sondern in diplomatischer Umschrift zu dokumentieren. Die Methode erlaubt die Analyse und unmittelbare Vergegenwärtigung des Sprechaktes, was zweifellos einen Mehrwert bedeuten kann. Zu bedenken ist aber, dass weitere Kategorien wie Stimmfarbe, Emotion, Sprechtempo und anderes nicht berücksichtigt werden. Dies führt dazu, dass bestimmte Sprechweisen beim ausschließlichen Lesen als Unzulänglichkeit erscheinen. Wer etwa das höchst leidenschaftliche Sprechen György Ligetis erlebt hat, war davon unmittelbar gefangen, ohne dass er sich am stolpernden Sprechduktus gestört hätte; in der zum Text geronnenen Umschrift ist diese Gefahr nicht gebannt, mit der Folge, dass eine scheinbar mangelhafte Rhetorik den Urheber zu diskreditieren vermag. Die Kluft zwischen Carl Dahlhaus‘ (S. 163) und Helmut Lachenmanns geschliffenen Äußerungen gegenüber Ligetis (S. 161) impulsiver oder Christian Wolffs (S. 261-262) stockender Rede erscheint so als Manko. Zumindest an zwei Stellen, etwa S. 340 f., werden mittels der Sprechpausen Momente der gedanklichen Ausarbeitung aufgezeigt. Ob der hohe Aufwand der Audiotranskription in einem angemessenen Verhältnis zu dem Erkenntnisgewinn steht, bliebe zu überdenken.

Noch deutlicher in rein musikalische Fragestellungen führt der dritte Teil des Buches für die Ära Hommel von 1982 bis 1994. Gleich zu Beginn, im Jahr 1982, trugen die Komponisten der Pariser Gruppe L‘Itinéraire zu einer Neuausrichtung bei: Das Etikett „Spektralismus“ deutet, sehr verkürzt gesagt, eine Tendenz vom Ton zum Klang an. Einen handfesten Skandal hingegen provozierte Walter Zimmermann mit der ebenfalls 1982 aufgeführten Lokalen Musik, die von dem belgischen Musikwissenschaftler Harry Halbreich reflexartig missverstanden wurde. Die Gegenüberstellung von Protagonisten wie Wolfgang Rihm und Helmut Lachenmann oder von Interpreten, die in den 1980er Jahren für je eigene Musizierhaltungen standen, wie dem US-amerikanischen Kronos Quartett im Vergleich zu dem britischen Arditti Quartett, macht deutlich, dass besonders unter Hommels Ägide eine Konzentration auf wenige, aber eminent wirkmächtige Namen – zu nennen wäre noch Brian Ferneyhough – sich herauskristallisierte.

Dem Herausgeberinnen- und Autor*innenteam ist mit dem vorliegenden ersten Band eine profunde, methodisch gelungene und mit Gewinn zu lesende Arbeit gelungen, die ein neues Kapitel in der Forschung zur Geschichte der Darmstädter Ferienkurse aufschlagen wird; auf die weiteren Ergebnisse darf man gespannt sein.

Rüdiger Albrecht
Berlin, 25.11.2025

Dieser Beitrag wurde unter Arditti-Quartett, Dahlhaus, Carl (1928-1989), Ferneyhough, Brian (*1943), Kronos Quartett, Lachenmann, Helmut (*1935), Ligeti, György (1923-2006), Neue Musik, Rezension, Rihm, Wolfgang (1952-2024), Zimmermann, Walter (*1949) abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.