Wendepunkte. Verfolgte und verfemte Komponistinnen und Komponisten vor und nach 1945 [Bernhard Wallerius]

Wendepunkte. Verfolgte und verfemte Komponistinnen und Komponisten vor und nach 1945. Essays und Werkportraits / Hrsg. von Frank Harders-Wuthenow – Neuausg. – Berlin: Boosey&Hawkes u. Sikorski, 2024. – 48 S.: s/w und farb. Abb.
ISBN 978-3-7931-4602-5 : € 15,00 (geheft.)

In dieser Broschüre, die in Format und Inhalt einer Verlags-Promotion der Boosey&Hawkes-Gruppe gleicht (und letztlich auch eine solche ist), kommen sieben Autoren zu Wort. Ihre Beiträge werden getrennt durch z.T. kommentierte Verlagskataloge mit Besetzungsangaben und Diskographien zu den Themen Opern, Ballette, Symphonik, Solo-Konzerte und Vokal- und Chormusik.
In der Mitte des 20. Jahrhunderts seien durch Kriegsbarbarei und -vandalismus unendlich viele Kulturgüter vernichtet und Kulturschaffende vertrieben oder ermordet worden. Was auf dem Gebiet der Musik übriggeblieben ist, zu retten und zugänglich zu machen, sei das Anliegen der Publikation und des damit verbundenen Verlagsprojektes, so die Herausgeber im Vorwort.

Der erste Beitrag stammt von dem in Wien lebenden Amerikaner Michael Haas, der sich als Forscher, Publizist und Lehrer seit Jahrzehnten diesem Thema verschrieben hat. Hier konzentriert er sich auf die Emigration nach Großbritannien und das Commonwealth. Dort war die Einwanderung von vornherein durch eine restriktive Visumpflicht geregelt. Im Folgenden beschreibt er die Schicksale und Werke von Berthold Goldschmidt, Hans Gál, Egon Wellesz, Franz Reizenstein, Andrzej Panufnik, Roberto Gerhard und Maria Herz, deren Schicksal als Jüdin und Frau besonders berührt. Der Leser erfährt viele Details, die kenntnisreich in den historischen Kontext eingebettet sind.

Frank Harders-Wuthenow, bei B&H für den hier berührten Themenkomplex zuständig, widmet sich den „Generationen des Exils“ in den USA. Im Gegensatz zu den Versprechungen der Freiheitsstatue habe sich 1933 die amerikanische Gesellschaft durch die Zunahme der Flüchtlingsströme radikalisiert „wie es heute die europäische Gesellschaft gegenüber den Flüchtlingsströmen aus Afrika und dem nahen Osten tut.“ (S. 12). Erfolgsgeschichten wie die von Weill und Korngold, Szell und Walter, die alle 1933 in die USA flohen, dürften nicht darüber hinwegtäuschen, „mit welch immensen Hürden und Entbehrungen der Aufbau eines neuen Lebens in den Vereinigten Staaten für das Gros der Flüchtenden verbunden war“ (ebd). Der Autor kommt dann ausführlich auf Werk und Leben von Karol Rathaus, Franz Waxmann, Ignatz Waghalter, Jaromir Weinberger und Ursula Mamlok zu sprechen, die 2006 als Einzige von den vor Hitler Geflüchteten in ihre Geburtsstadt Berlin zurückkehrte und sich dort (als 83jährige!) wieder als Persönlichkeit des Musiklebens etabliert hat.

Boris Yoffe ist aufgewachsen und musikalisch ausgebildet in Leningrad. Ab 1990 hielt er sich in Israel auf,1997 zog er nach Deutschland und wurde dort Schüler von Wolfgang Rihm. Er ist tätig als Komponist und Autor und berichtet hier über die Musik in der UdSSR, von sowjetischem Terror gegen Musiker und Komponisten, Verhältnisse, die er als „ambivalent, paradox, willkürlich-rätselhaft, ja absurd und tragikomisch“ (S. 21) empfindet. Er betont jedoch, dass jedes Schicksal einzeln zu betrachten sei. Neben Namen wie Prokofjew, Shostakovitch, Schnittke, Weinberg, Ustwolskaja, deren Wirken er mit kurzen Kommentaren streift, habe er entdeckt, dass „in der Sowjetunion neben der mehr oder weniger „offiziellen“ Musik eine weitere verborgene musikalische Welt existierte“ (S. 20). So stellt er Namen vor, die im Westen weniger bekannt sind: Alexander Lokshin, Boris Ljatoschinski und Boris Kluzner, deren Werke nicht zuletzt durch die Bemühungen des herausgebenden Verlages mittlerweile auch hier zu hören sind.

Christoph Schlüren, Dirigent und unermüdlicher Erforscher ‚vergessener‘ Musik, wagt sich auf das verminte Feld des Begriffs ‚Innere Emigration‘, dessen Entstehung aus dem Literarischen er ausführlich skizziert und dessen Ursprung er origineller Weise Leo Trotzki zuschreibt, der ihn bereits 1924 verwendet habe. Im Deutschland der Hitlerjahre seien es vor allem ‚Halbjuden‘ und mit Jüdinnen Verheiratete gewesen, die glauben konnten, auf das Zerreißen des heimatlichen Netzes verzichten zu können. Es erscheinen die Namen von Walter Braunfels, Günther Raphael, Boris Blacher, Gottfried von Einem und Heimo Erbse, deren unterschiedliche Wege kurz skizziert und deren (alle in der B&H-Gruppe verlegten) Werke mit lobenden Worten genannt werden.

Wiederum Frank Harders-Wuthenow schreibt über „Polen: Flaschenpost aus der Hölle“ (S. 34). Ausgehend von Roman Polánskis Film Der Pianist führt er die Biographie des Pianisten und Komponisten Wladysław Szpilman weiter, der im Film die Hauptrolle spielt und geht auf Werke ein, die bei B&H verlegt sind. Auch er betont die katastrophalen Folgen des Nazi-Terrors für die Kultur. Zwei weitere Komponisten sind Szymon Laks und Jozef Koffler, heute beide dank B&H in den Streamingportalen mit zahlreichen Werken zu hören. Harders-Wuthenow widmet ihnen relativ ausführliche biographische Erzählungen.

Der Publizist Albrecht Dümling, seit vielen Jahrzehnten dem Thema verbunden (Ausstellung Entartetete Musik u.v.a.m.), wendet sich hier dem Thema „Theresienstadt“ zu. Er schreibt über Pavel Haas, Gideon Klein, Ilse Weber, Hans Krása und Hans Winterberg und erwähnt dabei interessante biographische Details und ihre wichtigsten Werke. Ein Satz wie „In seiner Suite für Oboe und Klavier op. 17 und einer unvollendeten Symphonie brachte Haas ab 1939 seinen Protest gegen die deutsche Besatzung zum Ausdruck“ (S. 40) steht aber etwas in der Luft, man wüßte gerne, wieso.

Geradezu wohltuend nach so vielen auf die Verlagserzeugnisse ausgerichteten Erörterungen lesen sich die stark autobiographisch gefärbten Ausführungen des Geigers, Pianisten und Forschers Kolja Lessing, in dessen musikalischer Entdeckerbiographie die Namen Wladimir Vogel, Ignace Strasfogel, Berthold Goldschmidt und Ursula Mamlok eine besondere Rolle spielen. Deutlich sagt er, dass für die überlebenden Komponisten die Ausgrenzung durch den ästhetischen Nachkriegsrigorismus eine beinahe ebenso große Behinderung dargestellt habe wie der Nazi-Terror. Jedoch stellt er fest, dass das Schaffen der verlorenen Generation mittlerweile diskographisch gut dokumentiert sei. Aber: „Nur eine selbstverständliche Präsenz (ohne Sonderetikettierung!) im Musikleben kann diesem klingenden Vermächtnis mehrerer Generationen politisch und ästhetisch Verfolgter eine echte Renaissance ermöglichen“ (S. 46). Bis dahin ist jedoch noch ein weiter Weg, auf dem Unternehmen wie die in der Boosey&Hawkes-Gruppe versammelten Verlage, das zeigt diese Publikation, eine wichtige Weiche stellen.

Bernhard Wallerius
Köln, 27.11.2025

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