Joseph Horowitz: Dvořáks Prophezeiung und das Schicksal der Schwarzen klassischen Musik in den USA [Peter Sühring]

Joseph Horowitz: Dvořáks Prophezeiung und das Schicksal der Schwarzen klassischen Musik in den USA. Aus dem Amerik. von Christian Much. – Berlin und Hofheim: wolke, 2025. 260 S. : s/w-Abb.
ISBN 978-3-95593-267-1 : € 34,00 (geb.)
[Originalausgabe: Dvořák’s Prophecy and the Vexed Fate of Black Classical Music, New York 2022]

Das Schwergewicht dieses Buches und den Umschwung in der Musikgeschichtsschreibung, den es verursachen sollte, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Es gab eine verborgene,auf schwarzen, also afroamerikanischen und indigenen, also indianischen Wurzeln basierende Tradition, die der Autor „amerikanische Klassik“ nennt, die vergessen, marginalisiert und unterdrückt wurde und dies bis heute ist. Er meint damit sinfonische, chorische und Bühnen-Musik, die sich, ob von schwarzen oder weißen Musikern praktiziert, der Melodien, Rhythmiken und Harmonien der schwarzen und indigenen Bevölkerung der Vereinigten Staaten von Nordamerika annahm, sie musikalisch aufgriff, kunstvoll verarbeitete und zu Werken der Tonkunst veredelte, die aber ‑ bis auf den fragilen und umstrittenen Ruhm George Gershwins ‑ im Schatten des eurozentrierten Musikbetriebs der angloamerikanischen weißen Bourgeoisie blieb, die von Aaron Copland und Leonard Bernstein repräsentiert wurde, bei denen es durchaus einen Widerstand gegen den schwarzen Einfluss (musikalisch und personell) und eine Absage an die vergangene Tradition schwarzer Musik gab.

Der Ausgangspunkt dieser gegen den Strich der Vergangenheitsvergessenheit gebürsteten Darstellung der US-amerikanischen Musikgeschichte ist die Prophezeiung des Direktors des New Yorker Konservatoriums, Antonin Dvořák, gegen Ende des 19.Jahrhunderts, nachdem er ein Jahr lang die amerikanische Volksmusik studiert hatte: „Ich bin jetzt überzeugt, dass die zukünftige Musik dieses Landes auf dem basieren muss, was man die Negerlieder nennt. […] Diese schönen und vielfältigen Lieder sind das Produkt dieses Landes. Sie sind amerikanisch. [...] Amerikas Komponisten müssen sich ihnen zuwenden. […] In den Negerliedern finde ich alles, was für eine bedeutende und vornehme Schule der Musik nötig ist. Sie sind pathetisch, zart, leidenschaftlich, melancholisch, feierlich, religiös, verwegen, lustig, fröhlich oder was auch immer. […] Es gibt nichts in der gesamten Bandbreite der Komposition, das nicht mit Themen aus dieser Quelle versorgt werden kann“ (veröffentlicht im New York Herald am 21. Mai 1893). Horowitz kann zeigen, dass sich diese Prophezeiung zwar erfüllte, aber keine Chance bekam, je am Broadway, in der Carnegie Hall oder der Metropolitan Opera zu erklingen. Dvořáks eigene Beiträge zu dieser Entwicklung waren größer, als man heute noch weiß: über die berühmte Sinfonie Aus der neuen Welt hinaus, die Nachahmungen schwarzer und indianischer Gesänge enthält, und neben dem Amerikanischen Streichquartett und der Sonatine für Violine und Klavier gibt es noch eine selten gespielte Amerikanische Suite für Orchester op. 98 und zwei der Humoresken op. 101 für Klavier, die sich stark an Spirituals und Ragtimes anlehnen. Horowitz wirft die interessante Frage auf, inwieweit sich Dvořáks Musik weiter amerikanisiert hätte, hätte er New York nicht wegen institutioneller Schwierigkeiten so abrupt wieder verlassen müssen, um dann in Böhmen das voller amerikanischer Reminiszenzen erfüllte Cellokonzert zu schreiben. Von eingereisten Europäern wäre noch Ferruccio Busoni zu nennen, der in seiner Indianischen Fantasie für Klavier und Orchester sogar authentische, von der Musikethnologin Natalie Curtis erforschte Melodien verwendete, ebenso wie er „Motive der Rothäute“ in seinem Indianischen Tagebuch für Klavier verarbeitete.

Aber das Repertoire schwarzer und weißer amerikanischer Komponisten, mit dem Horowitz besonders vertraut macht, das zwar gespielt wurde, aber stets um seine Anerkennung kämpfen musste, die ihm bis heute versagt ist, stammt von William L. Dawson, Florence Price, Samuel Coleridge Taylor, Henry Thacker Burleigh und William Grant Still auf Seiten der schwarzen Komponisten, denen Horowitz eingehende, kenntnisreiche und liebevolle, Porträts widmet und von Mac Dowell, Charles Ives, Henry Edward Krehbiel, Aaron Copland auf Seiten der weißen. Hier erschließt sich ein ganz unbekanntes, von der Geschichtsschreibung immer noch verpöntes inneres Afrika mitten in Nordamerika. Es umfasst Klagelieder, Sinfonien, Opern und Werke fast jeder Gattung der europäisch beeinflussten Tonkunst, an die sich zu assimilieren auch die schwarzen Komponisten bereit und fähig waren. Und es wurde von eigens für die Aufführung dieser Werke geschaffenen Ensembles dargeboten, aber nur selektiv wahrgenommen und verbreitet. Horowitz zitiert und setzt sich mit einer Unzahl von abwertenden, relativierenden und abschätzigen Beurteilungen dieser Werke auseinander und beleuchtet die sozialen und rassenpolitischen Hintergründe für diese bis heute anhaltende Missachtung.

In Wirklichkeit aber müsste diese Musik die gleiche Hochachtung genießen wie andere Produktionen eines Ermerson, Melville, Mark Twain oder Whitman auf dem Gebiet der Literatur. Horowitz beschreibt die Musikmoden der Zeit des Gilded Age und des Fin de siècle und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der das eigentliche amerikanische Repertoire völlig vom Wagnerianismus und anderen aus Europa importierten Strömungen überflutet wurde und europäische Dirigenten und Einwanderer (darunter auch deutsche Exilanten) tonangebend waren. Es stellt einen großen, Augen und Ohren öffnenden Gewinn dar, in die effektvoll aufbereiteten Details einzusteigen, die Horowitz hier ausbreitet. Die Bewegung zur Erfüllung der Prophezeiung Dvořáks war immer eine leider unterliegende Gegenbewegung gegen die ungebrochene Dominanz der angloamerikanischen, meist an deutschen Leitbildern orientierten mächtigen Musiklobby.

Das Buch stimmt traurig angesichts der bis heute wirksamen Übermacht der weißen klassischen Musik in den USA, andererseits auch optimistisch, weil hier zum ersten Mal ein tief in den Quellen verankerter Historiker das große Skandalon und den Makel der Musikgeschichte und der bis heute andauernden Musikpraxis in Nordamerika aufdeckt und zum Umdenken anregt.

Ein Hinweis sei hier angebracht zur Rolle von Oscar Georg Sonneck, dem Gründer und Leiter der Musikabteilung der Library of Congress: in einem Artikel über Mac Dowell hat er bereits im Jahr 1909 in der Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft dessen Übernahme schwarzer Melodik und Rhythmik in seine Musik beschrieben und positiv charakterisiert.

Besonders erfreulich ist die ablehnende und entlarvende Haltung, die Horowitz zu einer ideologisch verbrämten, sich postkolonialistisch dünkenden Modererscheinung einnimmt, die den kulturellen Austausch, den Transfer der verehrten schwarzen und indigenen Volksmusik in die europäisch präformierte Tonkunst und umgekehrt die Übernahme von klassisch-romantischen Formprinzipien in die amerikanische Volksmusik, welche eigentlich positive gegenseitige kulturelle Aneignungen darstellen, als selber kolonialistisch denunzieren will. Dvořák und Gershwin und die vielen von Horowitz ausgegrabenen und vorgestellten Transferleistenden wären für diese überwachsamen kulturellen Reinheitsfanatiker nur Repräsentanten einer Mischkultur, die sie im Namen einer nicht nur falsch verstandenen, sondern totalitären Identitätspolitik ablehnen müssen. Horowitz kann den Widersinn ihrer Propaganda gewitzt enthüllen.

Peter Sühring
Bornheim, 02.12.2025

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