Opera buffa: Gestern und heute. Past and Present / Hrsg. von Arnold Jacobshagen – Würzburg: Königshausen & Neumann, 2025. – 424 S.: Abb., Tab., Notenbsp. (Musik – Kultur – Geschichte 22)
ISBN 978-3-8260-9547-4 : € 54,00 (brosch.; auch als eBook)
Die Opera buffa ist eine reiche, vielfältige Musikgattung, die sich nicht nur durch die „buffonerie“ auszeichnet, die in unterschiedlichster Weise zur Unterhaltung beitragen, sondern auch durch ein weites Spektrum zwischen dramatischem Scherz („scherzo drammatico“) und distinguiertem, raffiniertem Humor. Der vorliegende Band enthält zwanzig Beiträge, die anlässlich einer Tagung gleichen Titels entstanden, die 2024 in Köln abgehalten wurde. Erklärtes Ziel war, „die Opera buffa und ihre internationale Rezeption bis in die Gegenwart zu untersuchen und durch exemplarische Aufführungen einzelner Werke zu vergegenwärtigen“ (S. 7). Die drei aufgeführten Werke waren Domenico Cimarosas Le trame deluse (1786), Richard Strauss‘ Ariadne auf Naxos (Fassung von 1916) und Giovanni Paisiellos Il Re Teodoro in Venezia (1784) in der Bearbeitung Hans Werner Henzes von 1991-92. Naturgemäß können die drei gewählten Werke nicht den ganzen reichen Kosmos der Opera buffa abbilden – es ist gleichwohl überraschend, dass zwei Werke der 1780er-Jahre, aber keines etwa aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und keines aus dem 19. Jahrhundert berücksichtigt wurde. Ärger noch: Eine nachhaltige Definition von „Opera buffa“ erhalten wir in dem ganzen Buch nicht.
Vera Grund betrachtet im eröffnenden Beitrag zwar Topoi der Opera buffa, aber nicht, wann von Opera buffa zu sprechen ist und wann nicht – weder im italienischen Sprachgebrauch noch im internationalen Bezug (die Nähe französischer Vaudevilles oder englischer Ballad Operas zur Opera buffa war schon im 18. Jahrhundert hinreichend bekannt). Konturierter ist Kordula Knaus‘ Beitrag zur Opera buffa in Europa 1740–1765, es können auf allzu knappem Raum aber kaum mehr als einige Schlaglichter skizziert werden; auch Francesco Cotticelli Einlassungen zu Verhältnis von Commedia dell’arte und „Opera comica“ im 18. Jahrhundert sind zu knapp geraten, unter zu geringer Berücksichtigung der Musik. Livio Marcalettis Ausführungen zu Pistocchis Le pazzie d’amore e dell’interesse heben neben einer skizzenhaften Werkvorstellung auf Mehrsprachigkeit als Mittel der Erzeugung von Komik ab.
Äußerst lesenswert ist Saskia Willaerts ausführlicher Beitrag zu den Sängern von Opere buffe am Londoner King’s Theatre in den 1760er-Jahren – einer Epoche in Großbritannien, die in unserem Bewusstsein immer noch viel zu wenig bewusst ist. Entwicklungsspuren der neapolitanischen „commedia per musica“ erkundet Lucio Tufano anhand von Piccinnis Gelosia per gelosia (1770) und Palmas und Paisiellos Le vane gelosie (1790).
Die Causa Cimarosa, wenn man so sagen kann, sticht heraus aus der Menge der Beiträge – die Opernproduktion an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz Köln hat sichtlich ihre Spuren hinterlassen. Und hier erfahren wir auch, was mit „Gestern und heute / Past and Present“ gemeint ist – weniger etwa das Genre Opera buffa selbst, sondern vor allem die Wiederaufführung von Cimarosas Le trame deluse. Dass gerade Köln im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts mit Il marito disperato und einer maßstabbildenden Produktion von Il matrimonio segreto zur Cimarosa-Renaissance nachhaltig mit beigetragen hat, wird ebenso unterschlagen, wie die Anfänge historisch informierter Aufführungspraxis dieser und ähnlicher Musik (Rossini) von Köln aus (Cappella Coloniensis).
Fünf wissenschaftliche Beiträge stellen Cimarosa ins Zentrum, und gerade diese Beiträge erfreuen den Leser nicht zuletzt dadurch, dass sie gemeinsam ein größeres Bild formen. Arnold Jacobshagen, Tina Hartmann, Florian Amort, Matthieu Cilliez und Alexander Georg Sojka bieten einen „Wissenspool“, der sich zwar nicht stark mit den anderen Beiträgen des Bandes verbindet, aber zumindest exemplarisch das reiche Feld der Forschung zur Opera buffa erfahrbar macht.
Das frühe bis mittlere 19. Jahrhundert ist in dem Band mit nur einem Beitrag vertreten – einem Beitrag abseits der bekannten Meister Gioachino Rossini oder Gaetano Donizetti. Francesco Izzos Aufsatz zu Angelo Frondonis Un terno al lotto (1835) beleuchtet in hinreichender Sorgfalt ein auch dem Kenner unbekanntes Werk; man hätte sich viele weitere Beiträge dieser Art in dem Band gewünscht, werden doch auf knappem Raum nahezu alle Facetten und Besonderheiten eines Werks in prägnanter Weise skizziert und verlebendigt.
Auch um die Opera buffa im 20. Jahrhundert ist es in dem Band schlecht bestellt. Eine kurze Skizze Ermanno Wolf-Ferrari und die Opera buffa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, verbunden mit dem „Versuch einer Chronologie“ der Opere buffe von Giuseppe Verdis Falstaff (1893) bis Nino Rotas Cappello di paglia di Firenze (1955) erweist sich in Bezug auf den Aufsatztitel als unzureichend – zum einen durch den selbst zugestandenen Verzicht auf Vollständigkeit, zum anderen durch die ausschließliche Konzentration auf die „italienische“ Opera buffa (ohne die dahinter liegende Problematik hinreichend zu reflektieren); wem ist mit umfangreichen Besetzungslisten einer sicher nicht vollständigen Listung von Aufführungen bis in die Gegenwart gedient? Warum gibt es diese nur bei einigen Werken? Auch ein Beitrag zur Wiederentdeckung von Alberto Franchettis Don Buonaparte gehört eher in ein musikalisches Jahrbuch oder ins Internet denn in einen Kongressbericht.
Von ganz anderem Kaliber ist Benedetta Zucconis Beitrag über Opere buffe an der Piccola Scala in Mailand 1955–1983 – ein kurzer, aber ungemein faktenreicher wichtiger Aufsatz, der die Schwäche anderer Beiträge in dem Band umso krasser hervortreten lässt. Daneben kann Mariam Kamushadzes statistischer Beitrag zur Opera buffa auf Bühnen des deutschsprachigen Raumes auf Basis des Datenbestands des Deutschen Bühnenvereins nicht ganz bestehen – man hätte der Autorin, die viel mit Übersichtstabellen und -listen arbeitet, noch mehr Raum gewünscht. Immerhin findet hier nun endlich Telemanns Pimpinone seine Erwähnung – ein Werk, das ansonsten im ganzen Band unterschlagen wurde.
Will man die Rezeption der Opera buffa „heute“ erörtern, so hätte auch eine Erhellung der Henze-Bearbeitung der Paisiello-Oper nicht fehlen dürfen – was mehr ist „Gestern und heute“ als eine Oper des späten 18. Jahrhunderts, die nach 200 Jahren „neu geschrieben wird“. Aber: Kein Henze ohne Busoni und Casella. Und die Opera buffa ist eigentlich auch nicht erst im 20. Jahrhundert international. Dergleichen sucht man hier vergebens – keine substanziellen Einlassungen zu Richard Strauss (Die schweigsame Frau als geradezu selbstverständlicher Referenzpunkt), zu den kuriosen „Zeitopern“ der 1920er-Jahre, zu den Opere buffe in Frankreich, Deutschland (Rolf Liebermann), USA, England u. v. m.
Stattdessen selbstverliebte Selbstbespiegelung in insgesamt drei Beiträgen zur Wiederbelebung von Cimarosas Le trame deluse an der Kölner Musikhochschule. Die mindere Substanz gehört allerhöchstens in ein Hochschuljournal oder in das Programmheft der Aufführungen.
Dass die Opera buffa des 18., 19. und 20. Jahrhunderts auch in Italien weit vielfältiger aufgestellt war, als dies der vorliegende Band vermittelt, ist einerseits selbstredend, muss andererseits auch Auftrag sein – gerade wenn der Buchtitel dies nahelegt. Manchmal ist es gut, den Buchtitel „nachzujustieren“. Und so schwer es dem Herausgeber fallen mag – die Weglassung eines halben Dutzends Beiträge bzw. Verlagerung ins Internet hätte der Buchveröffentlichung gutgetan. Trüge der Tagungsband den Titel Cimarosas Le trame deluse und die italienische Opera buffa, viele der oben gemachten kritischen Anmerkungen wären weit weniger gewichtig.
Im Grunde bereits die Typografie des Tagungstitels zeugt von mangelhafter Sorgfalt in redaktioneller Hinsicht – warum „present“ groß geschrieben wird, erschließt sich nicht. Die Versalien auf dem Tagungsflyer waren schlüssiger. Lektoratsschwächen, die sich bis in Werktitel hinein erstrecken, hätten mit einem Werkregister vermieden werden können. Immerhin: der Druck und die reiche farbliche Bebilderung werten den Band aus rein herstellerischer Perspektive deutlich auf.
Jürgen Schaarwächter
Karlsruhe, 16.10.2025