Künstlerisch intelligent. Transdisziplinäre Positionen aus Komposition, Musikwissenschaft und -pädagogik [Markus Bandur]

Künstlerisch intelligent. Transdisziplinäre Positionen aus Komposition, Musikwissenschaft und -pädagogik / Hrsg. von Christa Brüstle, Robin Hoffmann, Marie-Anne Kohl und Karolin Schmitt-Weismann. – Mainz: Schott, 2025. – 150 S.: s/w-Fotos, Ill. (Veröffentlichungen des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt 64)
ISBN 978-3-7957-3401-5 : € 30,00 (Pb.)

Die derzeit 64 Hefte umfassende Reihe der Veröffentlichungen des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt war in ihren Anfängen ein respektables Forum, das zwischen den Aspekten der Musikwissenschaft, der Neuen Musik und Musikpädagogik durch eine damals neue Form der Interdisziplinarität auffiel. Spätestens mit der Jahrtausendwende vermochte die Reihe nicht einmal mehr von diesem Nimbus zu zehren und kümmert seither weithin unbeachtet vor sich hin. Das aus der 77. Frühjahrstagung (2024) des Instituts hervorgehende aktuelle Heft – von „Band“ zu sprechen, ist Käufertäuschung – ist dem Thema der sogenannten Künstlichen Intelligenz im Bereich der Musik gewidmet, was durchaus die Chance bot, dem Mauerblümchen neues Leben einzuhauchen.

Vollmundig heißt es in der Verlagswerbung: Bei der Frühjahrstagung „ging es um die Frage nach dem Verhältnis von technischer Innovation und künstlerischem Ausdrucks- und Reflexionspotenzial. Der Allgegenwart von ,künstlicher Intelligenz’ wurde die Suche nach der grundsätzlichen ,künstlerischen Intelligenz’ gegenübergestellt. Neben Entwicklungen der zeitgenössischen Musik wurden daher auch gegenwärtige Forschungen zu Intelligenz- und Kreativitätsbegriffen diskutiert.“

Allerdings vermag die Zusammenstellung der Texte aber bei weitem nicht, mit den versprochenen „transdisziplinären Positionen“ dem hochspannenden und gewichtigen Thema irgendeinen Neuigkeitswert abzutrotzen. Alleine schon der unreflektierte und unhinterfragte „KI“-Begriff, der in der medialen Öffentlichkeit gezielt mit seinen falschen Versprechungen von „Intelligenz“ verwendet wird (realiter handelt es sich um Simulationen), hätte Anlass sein müssen, über die im Titel angeführte unfreiwillige Verballhornung als „künstlerisch intelligent“ schärfer nachzudenken, um nicht den Eindruck zu erwecken, als wäre das Agieren von Mensch und Maschine (nicht nur) im Bereich des künstlerischen Arbeitens in irgendeiner Form ernstlich vergleichbar. Und tatsächlich enthält das Heft zumindest eine kurze Zusammenfassung von Cathrin Misselhorns zielführendem Reclam-Bändchen „Künstliche Intelligenz – das Ende der Kunst?“ (Reclam 2023), wo zu diesem Thema der Differenz zwischen Mensch und Maschine im Bereich des künstlerischen Arbeitens und Rezipierens eigentlich schon alles Wesentliche gesagt ist. Orm Finnendahls Beitrag „Komposition, Performance, Autonomie, Automatisierung“ lässt sich ebenfalls mit Gewinn lesen, insbesondere wenn man sich für den konkreten Einsatz von KI im Prozess des Komponierens von zeitgenössischer Musik interessiert.

Ansonsten weichen die anderen Beiträge auf die Darstellung und die Rolle von Computern in Spielfilmen aus (Robin Hoffmann), fragen nach der Geschichte der Musikautomaten (Christa Brüstle) oder versuchen die Vorgeschichte von KI-Musik nachzuzeichnen seit den im Talmud beschriebenen, in den Bäumen hängenden Äolsharfen 4000 v. Chr. (Michael Harenberg, Anna Schürmer). ‘Ergänzt’ werden diese das Thema KI ängstlich vermeidenden Beiträge von dem Abdruck einer „Podiumsdiskussion“, die die Problematik inhaltlich nicht einmal ernsthaft zu streifen sich getraut. Die dem Veranstalter geschuldete Darstellung der pädagogischen Projekte, wo teilweise laut Einführungstext „praktische Anwendungen wie neuronale Netzwerke, KI-generierte Musik, Audio-Diffusion und Kompositionstools“ (S. 9) erkundet wurden, veranschaulicht ebenfalls, dass in dieser Veröffentlichung viel mit vollmundigen Begriffen gearbeitet wird, ohne dass aber die inhaltliche Ebene über das Bedienen von Musiktools wie udio.com et al. hinausgeht.

Ausgeblendet wird die Frage nach dem Verfahren des ,Trainings’ der Programme mit den (welchen?) verfügbaren Daten, die sich von dem Umgang mit sprachlichem Material signifikant unterscheidenden ‘Vorlagen’, da musikalische Daten eben nur in sehr geringem Maße codiert (MEI o.ä.) vorliegen und deshalb mit weitaus unpräziseren digitalen Formaten von Musik (dem codierten Klang und nicht der codierten Notenschrift) gearbeitet werden muss. Die differierenden Strategien von Musikproduktion überhaupt – von bewusster Innovation und gezielter Individuation bis hin zur maschinellen und durchrationalisierten Schaffung von popkultureller Konfektionsware –, die Fragen von Kreativität und Urheber(-recht), von den konkreten Folgen für die Musikpädagogik (darunter auch den zahlreichen positiven im Musikunterricht), die Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Kunstbegriff und vieles andere wird leichthin ausgeblendet. Fazit: Thema verfehlt. Empfehlung zum Einstieg: Cathrin Misselhorns oben erwähntes konzises Reclam-Bändchen.

Markus Bandur
Berlin, 17.08.2025

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