Marina Schieke-Gordienko: Ferruccio Busoni. Pianist und Kosmopolit [Peter Sühring]

Marina Schieke-Gordienko: Ferruccio Busoni. Pianist und Kosmopolit – München: edition text + kritik, 2025. – 171 S..: s/w-Abb. (SOLO. Porträts und Profile)
ISBN 978-3-96707-909-8 : € 24,00 (kt.; auch als eBook)

Der ganze Busoni soll es sein, und so ist hier nicht nur der virtuose Pianist Busoni als Interpret vornehmlich von Bach, Mozart, Beethoven, Chopin und Liszt, sondern auch der Komponist von neue Wege weisenden Opern und experimenteller Instrumentalwerke sowie der ins Offene denkende Musikästhet gemeint und kritisch dargestellt. Vieles, was Busoni wollte, ließ er in einer sonderbaren, auch für die Nachgeborenen produktiven Weise in der Schwebe, und die Autorin dieser Monografie schließt sich dieser Haltung insofern an, als sie manches nur andeutet und für weiteres Nachdenken und vielfältige Interpretationen in den Raum stellt. Das mag auch der Grund sein, warum sich Busonis Erbe und Vermächtnis immer wieder im Lärm der Eindeutigkeiten und eindimensionalen Bekenntnisse und Festlegungen verliert, und man sich mit ihm nicht anhaltend und intensiv auseinandersetzen will. Auf fünfhundert Wagner-Aufführungen mit ihren überwältigenden motivischen „Gefühlswegweisern“ kommt eine Busoni-Aufführung, in der Musik eine ganz andere Rolle spielt, nämlich ein ernster Zauberspiegel oder ein heiterer Lachspiegel der wirklichen Welt in einer musikalischen Scheinwelt sein soll (S. 171).

Die von Schieke-Gordienko streng chronologisch durchgeführte Lebens- und Werkbeschreibung (man hat den Eindruck, der Haupttext sei die breite Auserzählung der angehängten sechsseitigen Zeittafel oder diese ein Extrakt der Schilderung) macht klar, dass Busoni seine Wanderjahre (trotz eines festen Wohnsitzes am Berliner Viktoria-Luise-Platz, der mehr ein Sehnsuchtsort war) nie beendete. Deshalb sind auch viele seiner halb theoretischen, halb aphoristischen Bemerkungen echte „Betrachtungen im Sinne der Wanderer“, wie Goethe sie in seinem Wilhelm Meister notierte ‑ obwohl Goethe in diesem Buch gar nicht vorkommt, auch weil Busoni sein Textbuch und seine Musik zum Doktor Faustus nicht nach Goethe, sondern nach der altdeutschen Legende schrieb.

Schieke-Gordienkos Darstellung der vielfältigen Wege und Orte, in denen der kosmopolitisch eingestellte und wirkende Busoni lebte und künstlerisch aktiv war, macht deutlich, wie vorteilhaft Archivarbeit ist, denn die Autorin präsentiert die erste Biografie Busonis, die auf einem Erschließen nicht nur des Berliner Nachlasses, sondern weltweit verstreuter Quellen beruht, zumindest auf einem Wissen um diese umfängliche und verstreute Quellenlage, die hier auch tabellarisch dokumentiert ist. Und sie markiert die entscheidenden Wendepunkte in Busonis Biografie: sein kulturelles, stilistisches Pendeln zwischen Italien und Deutschland und den neuralgische Dreh- und Angelpunkt des Züricher Exils während des Ersten Weltkriegs. Hier schlug seine Hoffnung auf eine humane Welt angesichts des industriellen Völkergemetzels in Ekel und Verzweiflung um, und ein aus der Isolation und Einsamkeit kommendes Wissen ließ ihn in die letzte Periode einer fragilen Nachkriegszeit wandern. Am Schluss gelang es ihm, durch die Berufung an die Akademie der Künste wieder in seinem geliebten Berlin zu wohnen und als Komponist und Kompositionslehrer zu wirken.

Busonis Virtuosentum als Pianist wird von der Autorin als ein stetes und sich ständig steigerndes Bemühen um eine neue Art des Klavierspielens beschrieben, in dem zur mechanischen Bewältigung die geistige, empfindsame, übermaterielle Beherrschung des Tastenspiels kommt; alle seine Bearbeitungen fremder Kompositionen von Bach bis Liszt und seine gesammelten Übungen, sein ganzes pädagogisches Bemühen auch als Lehrer, dienten diesem Zweck.

Seine 1907 veröffentlichte, aber erst 1916 in einer zweiten überarbeiteten Auflage zur Wirkung kommende neue Musikästhetik, die nur ansatzweise von ihm selbst in seinen eigenen Tonwerken verwirklicht wird, sondern ins Offene konzipiert ist, der Mit- und Nachwelt zum Mitdenken und Ausprobieren empfohlen ist, wird von Schieke-Gordienko in ihren markantesten Zuspitzungen referiert. Busoni suchte einen Weg zwischen Programmmusik und einer als formalistisch empfundenen absoluten Musik. Die exponierteste Position Busonis, Musik sei nicht dazu da, Gefühls- und Seelenzustände des Menschen nachzuzeichnen und zu projizieren (S. 106), wird zwar benannt, aber zwei Seiten später wieder relativiert oder zurückgenommen, wenn die Autorin meint, Busoni eröffne der Musik die einzigartige Möglichkeit, die Natur der menschlichen Seele widerspiegeln zu können (S. 108). Bei genauerer Betrachtung müsste verständlich werden, dass Busoni meint, die Musik könnte selber, aufgrund der in ihr wohnenden Logik und klangmagischen Kräfte Charaktere ausbilden, die der Mensch in Analogie zu seinen Empfindungen als schön oder hässlich, witzig oder sanftmütig etc. auffasst. Schön ist die Idee von Schieke-Gordienko, hierfür die Commedia-dell‘Arte-Figur des Arlecchino als eine Art „Sprachrohr“ ins Spiel zu bringen.

Sehr ausführlich und eindringlich werden auch Busonis amerikanische Erfahrung und seine Ablehnung einer geldbasierten Kultur geschildert. Besonderes Gewicht erfährt die Tatsache, dass Busoni wohl der erste Komponist vom alten Kontinent war, der nicht nur (wie Dvořák) indianische Melodien nachempfand, sondern musikethnologisch erforschte authentische indigene Melodien für seine Kompositionen verwendete (Indianische Fantasie für Klavier und Orchester und Indianisches Tagebuch. Vier Klavierstücke über Motive der Rothäute Amerikas).

Schieke-Gordienkos Darstellung des Lebens- und Denkweges Busonis, seiner zutiefst künstlerischen Ambitionen ist auch für Musikbibliotheken interessant dadurch, dass hier eine Autorin vom Fach in einem Anhang philologische und musikbibliographische Beschreibungen und Übersichten liefert, vom Suchen und Finden der Busoni-Quellen erzählt und die Bestände in der Berliner Staatsbibliothek und darüber hinaus dokumentiert. Ihr Buch ist auch literarisch wertvoll, man freut sich an einer fließenden, nicht gespreizten und doch nie langweiligen Sprache, schon durch die italienischen und englischen Kapitelüberschriften gibt die Autorin eine Anmutung von jenem weltmännischen Flair, das Busoni umgab.

Außerdem ist Schieke-Gordienkos Buch eine dringende Aufforderung, Busonis Werke zu hören und seine Schriften zu lesen: Avanti!

Peter Sühring
Bornheim, 05.08.2025

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