Irvine Arditti: 101 Geschichten eines reisenden Musikers – Mainz: Schott, 2025. – 128 S.
ISBN 978-3-7957-3379-7 : € 24,80 (Broschur)
Als ich die ersten Seiten des Buches las, drängte sich mir unwillkürlich die Assoziation zum Humor von Monty Python auf, und siehe da, einige Seiten weiter begegnet mir der Name der Komikertruppe tatsächlich: Michael Palin, Mitglied der Gruppe und Nachbar der Kirche in Highgate, in der das Arditti-Quartett Aufnahmen macht, bezahlt insgeheim einen Gärtner, damit er mit dem Rasenmähen aufhört bis die Aufnahmen beendet sind (S. 59).
Irvine Arditti, Jahrgang 1953, Gründer und Namensgeber des mit häufig wechselnden Besetzungen spielenden Arditti-Quartetts, erzählt in 101 Geschichten seine „Dönekens“, die er sicher zahllose Male bei abendlichem Zusammensein mit Veranstaltern und Musikerkollegen zum Besten gegeben hat. Geschichten stehen hoch im Kurs bei einem Musiker, der sich selbst als Reisenden bezeichnet und in mehr als 3.500 Flügen (S. 7, was für ein ökologischer Fußabdruck!) von Kontinent zu Kontinent gejettet ist, und die Ardittis sind im Geschichtenerzählen geübt. So ist man froh, wenn sie bei einem Après-Konzert mit dem Guarneri-Quartett auch dabei sind, denn sie sind so „lustige Leute“ (S. 25). Sigmund Nissel, 2. Geiger des Amadeus-Quartetts, wird von Arditti besonders geschätzt, weil er „so voller Geschichten“ ist (S.44), und bei einem Abendessen in Buenos Aires gab es „jede Menge lustige Geschichten“ (S. 109).
Ardittis Geschichten, zwischen wenigen Zeilen und zwei Seiten lang, geben seine Erinnerungen an besondere Situationen auf seinen Reisen wieder. Sie handeln immer wieder von deren Fährnissen, von extrem engen Zeitplänen, ebenso von holprigen Reisen mit unberechenbaren Flugplänen (z.B. S. 94), vom Spielen gegen den Schmerz (S. 56), vom Spielen in ungeeigneten Sälen, vom Spielen vor winzigem Publikum. Obwohl er das Reisen als ein „notwendiges Übel“ bezeichnet, klingt doch immer wieder der Stolz durch, dieses Übel virtuos zu meistern, ja es kommt der Verdacht auf, dass die turbulente Betriebsamkeit für Arditti ein Sport ist, vielleicht eine Droge. Denn er ist unersetzbar: „Herr Arditti dachte darüber nach, dass es keinen Geiger auf der Welt gab, der den Großteil des Repertoires beherrschte, das wir im kommenden Jahr spielen mussten.“ (S. 86).
Die Geschichten handeln von weltgeschichtlichen Ereignissen, dem Angriff auf die Twin Towers, dem Fall der Berliner Mauer. Aber diese Ereignisse dringen als „harte Realität in die Blase unseres gewohnten Lebens“ ein (S. 81), wirklich wichtig sind andere Dinge, die Begegnung mit dem Who is Who der zeitgenössischen Musik, die spektakuläre Aufführung von Stockhausens Helicopter-Quartet, die Arbeit mit Ligeti und Boulez. Der Leser erfährt in einigen Stücken manches Detail, das die Geschichte der zeitgenössischen Musik farbiger malt als ein akademisches Lehrbuch. Neben wirklich interessanten Informationen mit historischem Quellencharakter (z.B. die Begegnung mit Conlon Nancarrow S. 54 f) stehen belanglose oder witzige Stücke wie das vom Besuch des Cellisten Rohan de Saram beim Ohrenarzt. Als dieser fährt, dass Rohan zeitgenössische Musik spielt, fragt er „Sind Sie sicher, dass ich ihm die Ohren reinigen soll?“ (S. 51).
Bemerkenswert ist die Einstellung zur eigenen Tätigkeit. Bei allem Selbstbewusstsein (s.o.) klingt doch durch, dass für die Beschäftigung mit zeitgenössischen Kompositionen eine gute Portion Humor notwenig ist. Hierfür steht z.B. die Geschichte vom einem Konzert mit einem Werk des Amerikaners Lejaren Hiller (S. 11): „Der einzig denkwürdige Teil des Stücks war der erste Takt: alle vier Mitglieder des Quartetts mussten … mit den Füssen stampfen“. Damit dies effektvoll genug war, wurde eigens die Bühne umgebaut. Der Komponist „sagte, dass ihm besonders das Fußstampfen gefallen hätte“ (ebd.). Auch bemerkt das Publikum nicht, wenn die Musiker statt des vorgesehenen Stücks improvisieren, weil der eigentlich an einer Stelle benötigte Schlagzeuger sich vorzeitig entfernt hat (S. 18). Aber andererseits gibt es auch die „Notwendigkeit einer akkuraten Ausführung von Musik“ (S. 10).
Menschen, die Arditti als „klassische Musiker“ bezeichnet, bringt er besondere Hochachtung entgegen, so den Kollegen des Guarneri-, Amadeus- und Alban-Berg-Quartetts, mit dessen Mitgliedern Thomas Kakuska und Valentin Erben das Arditti-Quartett in Sextett-Besetzung musiziert hat. Auch spricht er von „gehaltvolleren Stücken“, wenn er Beethovens Große Fuge und Janáčeks 1. Quartett anderen überläßt, während er sich mit Ligeti, Ferneyhough und James Clark begnügt (S. 87). Man wird in der Beobachtung bestätigt, dass die Welt der Neuen Musik eine von von der übrigen klassischen Musik weitgehend separierte ist, in der sich Happening-artiges, auch von den Spielenden nur mit Humor zu Ertragendes mit ernstzunehmenden und schwierigen Aufgaben mischt.
Was die Sprache der Erzählungen angeht, ist zu vermuten, dass das Manuskript keinen Lektor gesehen hat, der manche unbeholfene Formulierung hätte glätten und z.B. im 64. Stück die Pointe hätte erhalten können, indem er im ersten Satz das Datum 11.September 2001 eingefügt hätte, auf das sich dann der folgende Text bezieht, oder der auf S. 96 den Genus-Fehler bemerkt hätte, wenn von dem Tänzer Tsyoshi Shirai als „sie“ gesprochen wird, oder auf S. 26 bemerkt hätte, dass in der Formulierung „aus großer Höhe auf heruntergeworfen wurde“ etwas fehlt. Die Druckfahne hat mit Sicherheit keinen Korrektor gesehen, sonst würde die Seitenzahl „115“ nicht fehlen und auf S. 119 der Text nicht unvermittelt abbrechen.
Unter dem Strich bleibt aber ein amüsantes Lesebuch für den Kenner und Liebhaber der Neuen Musik, wenn er bereit ist, dafür knapp 25 Euro auszugeben.
Bernhard Wallerius
Köln, 29.07.2025