Maria Jelenko: Die Johann-Strauss-Verschwörung. Historischer Kriminalroman – Köln: Emons, 2025. – 288 S.
ISBN 978-3-7408-2505-8 : € 16,00 (kart.; auch als eBook)
Fiktive Kapitalverbrechen liegen teils gefährlich nah an der Wahrheit. 1872 etwa bereiste der Wiener Walzerkönig Johann Strauss (1825–1899) Amerika und feierte triumphale Erfolge beim Weltfriedensfest in Boston. Ein geplanter oder ausgeführter Anschlag auf sein Leben, dort und überhaupt, ist weder bekannt noch aktenkundig. Dies konzediert auch die 1967 in Wien geborene Journalistin Maria Jelenko, die nach vielen freiberuflichen Stationen an verschiedensten Institutionen und führenden Pressehäusern seit 2019 bei RegionalMedien Austria wirkt. In präziser Formulierung gewandt auch durch Studien der Politikwissenschaft und Publizistik, erfindet sie ungeniert nun einen historischen Kriminalroman mit mörderischer Verschwörung um Strauss, die sie dramaturgisch wirkungsvoll in den realen Rahmen seiner Atlantiktour eingeflochten hat. Alles in allem gelang eine unterhaltende, flüssig und dynamisch erzählte Krimilektüre, deren thematische Nuancen, lokalkoloristische Impressionen und soziopsychologisch-politische Subtexte ein gehaltvolleres Potential entfalten, als es der Klappentext sensationsheischend andeutet. An Strauss-Biographie wird nur so viel mitgeliefert wie nötig, dafür instruktiv.
Vorausblickend kulminiert der Prolog sogleich in einem bestialischen Tötungsfall an Deck des Dampfers „Rhein“. Ruhigen Gewissens verzichten wir hier auf eine Spoilerwarnung. Denn nichts verrät die nächtliche Gruselszene über des Pudels Kern. Vielmehr exponiert sie raffiniert eine erste Innenschau des weltberühmten, furchtgeplagten Musikstars und den beklemmenden Eindruck von einer der vielen hochfrequentierten Amerikafahrten im Zuge der Auswanderungswelle des 19. Jahrhunderts. Denn im Zwischendeck kauern unter prekären Bedingungen Menschenmassen, die in Hoffnung auf ein besseres Leben ungewissen Schicksalen jenseits des Ozeans entgegensteuern. Strauss dagegen hat seine Luxuskabine verlassen, um in frischer Brise gegen seine sorgenbedingte Schlaflosigkeit anzukämpfen, grübelnd über die Konzerte in New York und Boston, wo er eine Formation von 2000 Musikern dirigieren wird, grübelnd auch über seinen Vertragsbruch mit der russischen Stadt Pawlowsk, den er um des finanziellen Vorteils willen billigend in Kauf nimmt. Zumindest aber wird er im Folgejahr auf der Wiener Weltausstellung den Ton angeben, mag dagegen auch schon jetzt das goldene Jubiläum der Strauss-Kapelle von düsteren Gedanken überschattet sein. Nach familiären Querelen – überdies sind Mutter Anna und Bruder Josef vor zwei Jahren verstorben – hatte er dem jüngsten Bruder Eduard die Stabführung überlassen, um nach erfolgreichem Debüt die Hand für Operettenprojekte freizuhaben. Plötzlich sinkt in zehn Metern Entfernung ein Schatten zu Boden, auch ein zweiter. Einbildung? Tatsächlich schreit ein junger Mann gellend auf und erliegt einem seitlichen Messerstich. Erst als Strauss sich zurückgezogen hat, lässt der trinkfeste Wiener Nachtwächter Erwin auf seiner Runde vor Schreck die Flasche fallen: „‘Jessas! (…) A Leich!‘“ (S. 12)
Dann switchen wir zurück an die Donau und in die Vorgeschichte. Erzählt wird ab sofort strikt chronologisch und aristotelisch geschlossen im Rahmen dreier großer Stationen: Wien – Überfahrt – Amerika. In seiner Hietzinger Villa echauffiert sich der Musikstar über dreiste Konkurrenz und sträubt sich vehement gegen Ehefrau Jettys entschiedene Mahnungen, das durch den Chicagoer Musikagenten Florenz Ziegfeld persönlich hinterbrachte Angebot eines Auftritts beim Weltfriedensfest in Boston anzunehmen. Schließlich war dessen Organisator, der US-Militärkapellmeister und Impresario Patrick Gilmore, auf der Suche nach Europas besten Musikern, beauftragt vom US-Präsidenten, auf Strauss gestoßen. Nach mehrfachem Insistieren Ziegfelds sagt der Umworbene letztlich zähneknirschend zu. Milieuskizzen (Heinrichshof, Stadtpark, Stephansdom, hektischer Pferdebahnverkehr), Episoden aus sozialen Problemfeldern (Ausbeutung, Prostitution, Polizeistaat) und Schlaglichter auf politische Verhältnisse baut Jelenko in anschaulicher Reportage, doch kreativ poetisch und atmosphärisch stark ins Geschehen ein. Ebenso prägnant kommen Haupt- und Nebenfiguren mit charakteristischen Physiognomien sowie ihren (von Jelenko mit besonderem Faible illustrierten) Kleidungs- und Modestilen zur Geltung. Mancher Charakter, vorneweg Strauss mit notorisch paranoider Ängstlichkeit, Billard- und Tarock-Manie sowie ausgeprägtem Flirtverhalten, streift die Grenze zur Karikatur. Auch Jetty, einst selbst gefeierte Sopranistin, hat neben ihrem geschäftstüchtig durchsetzungsstarken Management obsessiv und heimlich ein wachsames Auge auf die ihren Gatten umschwärmende Damenwelt. Um während seiner langen Absenz diesbezüglich und sicherheitstechnisch nichts anbrennen zu lassen, engagiert sie per Inserat einen Aufpasser, von dessen Mission – so die Grundbedingung – Johann keinen Wind bekommen soll. Die zeitgleich in Wien erfolgreiche Zirkusreiterin Ella Zoraya, der Strauss vor Jahren fasziniert eine Ella-Polka gewidmet hat, bewirbt sich vom Fleck weg und erhält dank perfekter Eignung den Zuschlag. Allerdings – auch dies kein Spoiler – ist sie im wirklichen Leben keine Dame, sondern der Amerikaner Francis Samuel Kingsley, den es aus zerrütteten Familienverhältnissen über eine Odyssee als Trickdieb an den Zirkus, ja sogar einmal an Nestroys Carltheater verschlagen hat.
Mit seinen Dienstboten Anna und Stepi reist Strauss, immer im Visier von Kingsley, per Zug zunächst nach Bremen, wo Agent Ziegfeld ihn empfängt. Auf dem Dampfer machen der Kapitän und ein Offizier, die wie Ziegfeld über Kingsleys Geheimauftrag informiert sind, den prominenten Passagier mit dem komfortablen Interieur vertraut. Schnell schafft es Kingsley, mit Strauss eine Duzfreundschaft aufzubauen und sein Inkognito flunkernd der Situation anzupassen. Ebenso an Bord und auf dem Weg zur Mitwirkung in Boston ist die Strauss bekannte Diva Minna Peschka-Leutner, die, selbst komponierend, lebhaft an seinen geplanten Werken interessiert ist. Auf ominöse Weise verschwindet prompt Strauss‘ Notenmappe. Mit im Speisesaal finden sich an skurrilen Dramatis personae neben Ziegfeld mit Ehefrau Rosalie und Peschka-Leutner noch die italienische Strauss-Verehrerin und –Stalkerin Elisabetta Rinaldi, der vom Zeitungsherausgeber zum Hummer-Lieferanten umsattelnde Amerikaner Henry Cabot, der preußische und Strauss durch einen Orchesterwettbewerb erinnerliche Militärkapellmeister Heinrich Klein sowie der Ex-Juwelier Graf Josef Rotkowsky, von dem sich die Gerüchteküche Aufklärung über einen mutmaßlichen Juwelentransport in geheimem Schiffsraum erhofft. Neben neidgezeugten Sticheleien zwischen den Damen entspinnen sich auch Diskussionen über Nationalitätenfragen und –konflikte in der 1867 gegründeten Donaumonarchie. Den Stopp im britischen Southampton überbrückt ein kleiner Kreis, darunter Strauss und Kingsley, mit einem Picknick zu Lande, bei dem – nächster seltsamer Zwischenfall – Peschka-Leutners Collier abhandenkommt. Die bisher leeren Plätze an Strauss‘ Tisch im Speisesaal besetzen fortan Mary Greeley mit ihrer feministisch streitbaren Tochter Ida aus New York. (Gatte und Vater ist pikanterweise ein designierter US-Präsidentschaftskandidat und damit möglicher Konkurrent des Strauss – auch zu Wahlkampfzwecken – protegierenden Amtsinhabers Ulysses S. Grant.) Last not least neu dabei: der englische Detective Lorenzo Ferranelli. Und zu Ziegfelds am Nebentisch gesellt sich eine charmante Martha Mills.
Auf das Kapitel zur genannten Causa „Das Collier“ folgt „Der Mord“, sprich der Todesfall aus dem Prolog. Ferranelli nimmt, da vom Fach, die Ermittlungen auf. Und zumal Strauss sich ernsthaft verfolgt fühlt, argwöhnt Beschützer Kingsley die titelgebende Strauss-Verschwörung und tritt kooperativ mit Ferranelli in Kontakt – kriminalistisch wie homoerotisch. Was sich bis zu einem guten Drittel wie ein gehoben unterhaltender Zeit-, Gesellschafts-, Künstler- oder Abenteuerroman gerierte, verdichtet sich ab jetzt zu einer spannungsgeladenen Whodunit-Story voll Action, Showdowns und überraschenden Wendungen. Freilich: Strauss absolviert erfolgreich seine Auftritte und kommt heil wieder zurück. Kritische Untertöne gegenüber US-Präsident Ulysses S. Grant, dem die Presse vorwirft, im Boston-Musikfieber Gewalt und Übergriffe gegen die schwarze Bevölkerung in den Südstaaten zu bagatellisieren, markieren hier den historischen Hintergrund. Auch sinniert der Detective über Anfeindungen gegen den Walzerkönig, denen zufolge dessen Walzer- und Polka-Klänge eskapistisch über die repressiven Zustände der k. u. k. Monarchie hinwegtäuschen und zum Missfallen reaktionärer Kreise Bürgertum und Adel emanzipatorisch auf dem Tanzparkett vereinen. Liegt in dieser, jener oder einer anderen Sphäre der Schlüssel zur Strauss-Verschwörung? No comment …
Andreas Vollberg
Köln, 17.07.2025