Briefwechsel Arnold Schönberg – Heinrich Jalowetz / Hrsg. von Simon Obert – Mainz: Schott, 2025. – 408 S.: s/w-Fotos (Veröffentlichungen der Paul Sacher Stiftung 13; Briefwechsel der Wiener Schule 7)
ISBN 978-3-7957-3341-4: € 38,00 (geb.)
Die Reihe Briefwechsel der Wiener Schule wurde noch im letzten Jahrhundert vom Staatlichen Institut für Musikforschung initiiert, geriet danach mehrfach ins Stocken und wurde schließlich mit Unterstützung der Paul Sacher Stiftung erneut neu aufgesetzt. Bislang erschienen 1995 der briefliche Austausch von Schönberg, Berg und Webern mit Alexander Zemlinsky (hrsg. von Horst Weber, noch bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft) sowie 2007 die umfangreiche und sich von 1906 bis 1935 ersteckende briefliche Kommunikation zwischen Schönberg und Berg (hrsg. von Juliane Brand, Christopher Hailey und Andreas Meyer, bei Schott, 2 Bände). Nach erneut fast zwei Jahrzehnten Pause folgt nun der Briefwechsel von Schönberg mit seinem Schüler, dem Musikwissenschaftler, Komponisten und Dirigenten Heinrich Jalowetz. Diesem ging der bereits 1999 von der Paul Sacher Stiftung publizierte, umfangreiche briefliche Austausch von Webern mit Jalowetz voraus (hrsg. von Ernst Lichtenhahn bei Schott, allerdings noch außerhalb der Reihe).
Hinsichtlich der editorischen Qualität und philologischen Sorgfalt lässt die Veröffentlichung keinerlei Wünsche offen: Das Vorwort des Herausgebers Simon Obert, der in der Paul Sacher Stiftung arbeitet, wo sich auch der Nachlass von Jalowetz befindet, informiert akribisch (im besten Sinne) über den Werdegang von Heinrich Jalowetz, der 1882 in Brünn geboren wurde, 1939 in die USA emigrierte und 1946 in Black Mountain, North Carolina, starb, wo er an dem durch seine Dozenten (u. a. Josef Albers, John Cage, Merce Cunningham, Willem de Kooning, Lyonel Feininger, Richard Buckminster Fuller, Walter Gropius, Stefan Wolpe) legendären und von 1933 bis 1957 aktiven Black Mountain College unterrichtete.
Einige wenige Anmerkungen zu den 338 Briefen aus den Jahren 1906/07 bis 1946 schrammen zwar knapp an den Klippen der Überkommentierung vorbei (so wird etwa auf S. 222 die Bedeutung des Begriffs „Personenzug“ als Nahverkehrszug „im Gegenzug zum Schnellzug“ erläutert); ansonsten ermöglichen es die Anmerkungen, die zeitgeschichtlichen und pädagogischen Hintergründe über die engeren Bezüge innerhalb des Kreises der Wiener Schule hinaus unkompliziert nachzuvollziehen. So wird beispielsweise das Wirken Jalowetz’ im Rahmen der Geschichte des Black Mountain College angesprochen, begründete er doch dort die verstärkte Einbeziehung der modernen Musik in das interdisziplinäre Programm des College, das bereits seit 1933 stark von Einflüssen zahlreicher exilierter Bauhaus-Vertreter geprägt war. Jalowetz lud Interpreten wie Eduard Steuermann ein, der Werke Schönbergs vorstellte (Schönberg selbst war bereits im August 1933 in die USA emigriert), unterrichtete aber auch selbst zahlreiche Interpreten in der Aufführungspraxis von Werken europäischer Komponisten wie Bartok und Debussy und leistete dadurch einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung und zum Verständnis der musikalischen Moderne Europas in den USA.
Ein Anhang mit Schönbergs Empfehlungsschreiben für Jalowetz, dessen Texten bzw. Textentwürfen zur Musik Schönbergs sowie weiteren Dokumenten ergänzen den Band, der neben seiner musikgeschichtlichen und privaten Relevanz auch als Dokument der Emigration, als Korrespondenz von zwei durch die Nationalsozialisten ins Exil vertriebenen jüdischen Komponisten gelesen werden muss (von Schönbergs Seite ab Brief 300, von Jalowetz’ Seite ab Brief 322). Ein Personenverzeichnis sowie ein Register runden die mustergültige Publikation ab.
Markus Bandur
Berlin, 01.07.2025