Hans-Martin Linde: Aus meinem Leben erzählt. Flötenspiel, Konzerte, Reisen, Komponieren, Malen … und tausend andere Dinge eines Künstlerdaseins – Mainz: Schott, 2025. –179 S.: Farbabb.
ISBN 978-3-7957-3402-2 : € 19,50 (geb.)
Einer der Pioniere der alten Musik und des künstlerischen Blockflötenspiels schreibt hier seine Erinnerungen auf. Linde zitiert Erich Kästner: „Erinnerungen sind Schnappschüsse aus der Vergangenheit, als sie noch Gegenwart hieß“ (S. 157). Und ‚Schnappschüsse‘ machen auch den Inhalt des Buches aus. Sein Geburtsdatum (30.05.1930 in Werne) verrät Linde nicht, aber mehr als ein Viertel des Buchs widmet er der westfälischen Kindheit im Iserlohner Pfarrhaus und mehr als ein Drittel den ersten 16 Jahren seines Lebens. Da kommen viele beschauliche Details zur Sprache und nostalgisch blickt er auf das Knattern der Wäsche auf der Leine, den immer wieder gestörten Radioempfang und den Dampf der Lokomotiven zurück.
Immerhin entsteht ein farbiges Bild der Zeit zwischen 1930 und 1946. Linde beschreibt, wie er zum Komponieren gefunden hat und wie zu seinem Ausgleichshobby, der Malerei. Seine Hauptbeschäftigung jedoch war die praktische und theoretische Erforschung der Spieltechniken alter Musik, insbesondere der Blockflöte. Der Leser hat teil an Begegnungen mit den Leuten, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Bewegung der ‚Alten Musik‘ in Gang gebracht haben – Alte Musik, die der Berliner Radiomoderator Bernd Morbach damals als die eigentliche Neue Musik zu bezeichnen pflegte. Es begegnen uns Namen wie Gustav Scheck, Konrad Lechner, Carl Orff, Ferdinand Leitner, Aurèle Nicolet, Peter Lukas Graf, Frans Brüggen, Karl Richter, Alfred Deller, Christopher Hogwood und andere mehr, derer mit liebevollem Respekt gedacht wird.
Die Pionierleistung der vom WDR getragenen Cappella Coloniensis und deren Gründer Eduard Gröninger auf der Redaktionsseite und August Wenziger auf der künstlerischen Seite wird ausführlich gewürdigt und die Anfangsschwierigkeiten in der Beschaffung geeigneter Blasinstrumente werden geschildert. Linde sollte später selbst die Leitung der Cappella übernehmen. Er war am Beginn der Bach-Pflege in Japan beteiligt und bewundert die Höhe, die die diesbezügliche Musikpraxis in Japan erreicht hat. 10 mal war er in Japan, und seine Konzertreisen haben ihn in mehr als 40 verschiedene Länder geführt, die er stolz auflistet (S. 113).
‚Stolz’ ist ein Wort, das immer wieder auftaucht, bei einem erreichten Fortschritt, bei einer besonderen Begegnung. Eine wichtige Begegnung war die mit Paul Sacher, der als Mäzen („Hoffmann La Roche machte es möglich“ S. 105) und Organisator nicht nur die Neue Musik, sondern mit der Gründung der Schola Cantorum Basiliensis in hohem Maß auch die Alte Musik gefördert hat. Die ‚SCB‘ war für Linde als Musiker und Lehrer ein wichtiger Wirkungskreis, wohl als erster Professor an einer Hochschule für das Instrument ‚Blockflöte‘ und später auch als Leiter des Basler Konservatoriums.
Ein besonderer „Schnappschuss’ ist dem 9. November und dem Mauerfall gewidmet, den Linde mit seiner Cappella Coloniensis bei einem Gastspiel in Leipzig erlebt hat. Der letzte Teil des Buches handelt in rhapsodischer Art über „Denken und Gedenken“, über Sprache und Dialekt und gibt breiten Raum der Darstellung der Lindeschen ‚Lesepfade‘. So erhält der Leser zum Schluss noch manche Anregung zum Weiterlesen. Im Epilog (S. 175 f.) fasst der Autor noch einmal zusammen, was ihm wichtig war: die „reiche Buchwelt“, „die Musik in all ihren Erscheinungen“, „mein Komponieren“, die „bildnerische Kunst“.
„Man spürt … eine Art Heimweh nach Verflossenem“ stellt er fest, aber: „Es heißt also, den Augenblick schätzen zu lernen“, und „Unterliegen wir doch alle dem Wissen um unsere Vergänglichkeit und erleben unausweichlich den Zeitfluss“ (S. 177).
Der Musikliebhaber wird in diesem Buch Interessantes erfahren und Vergnügliches finden.
Bernhard Wallerius
Köln, 23.06.2025