Dos gezang fun vilner geto. Lieder aus dem Wilnaer Ghetto. Gesammelt von Shmerke Kaczerginski / Hrsg. von Dieter Koller und Sebastian Wogenstein. – Leipzig: Hentrich & Hentrich, 2025. – 282 S.: s/w-Abb., Notenbsp.
ISBN 978-3-95565-664-5 : € 29,90 (Hardcover)
Man blättert in diesem aufwendig hergestellten, von gleich zwei Lektoren betreuten Band mit Bewunderung, Rührung, Schmerz. Dos gezang fun vilner geto ist Neuedition einer gleichnamigen Text- und Noten-Sammlung, die der litauisch-jüdische Schriftsteller Shmerke Kaczerginski 1947 in Paris erscheinen lässt – auf Jiddisch, geschrieben in hebräischer Schrift, versehen mit nachtschwarzen Grafiken des Wilnaer Malers Moshe Bahelfer (1908-1995), ab 1928 am Bauhaus Dessau Schüler von Klee, Feininger, Kandinsky. Qualität und Intensität der wenigen Blätter rechtfertigt die Hervorhebung.
Hinter dem Buchdeckel (S. 16) tauchen wir ein, was hier Thema ist: das brennende Schtetl. Über den züngelnden Flammen ein Knäuel aus flehentlich erhobenen Händen, Verzweiflungsgesichtern, einer Mutter, die ihr Kind umarmt in der Art wie Chagall das gern gezeichnet hat. Darüber ein aus weitem Mund dem Kosmos anvertrauter Verzweiflungsschrei. Was die hebräischen Buchstaben bedeuten, wird, bedauerlicherweise, weder in einer Fußnote noch im angehängten Abbildungsverzeichnis aufgelöst. In der Buchmitte (S. 122) ein Blatt, das am oberen Rand ein Bartgesicht zeigt mit Kopf-Teffilin, Gebetskapseln, im Zentrum eine Frauengestalt mit Lyra, dazu Tiergestalten mit großen Augen. Am Schluss des Bandes lässt uns Bahelfer dann direkt in die Katastrophe des Wilnaer Ghettos unter deutscher Besatzung der Jahre 1941 bis 1943 blicken. Unter der Erde, in einem Keller hocken Gestalten, ein Verwundeter liegt auf der Erde, während oben auf der Straße Pogrom herrscht. Die Klardaten teilen die Herausgeber im Vorwort mit: 100.000 Ermordete, davon 70.000 Juden. – Auf der Umschlagrückseite schließlich das ursprüngliche Titelblatt des gerade einmal 55 Seiten umfassenden, großformatigen Heftes. Aus hebräischen Buchstaben schwingt sich wiederum eine Lyra über Wasser in einen mit schwarzen Wolken verhängten Himmel. Auch darüber schweigt sich das Abbildungsverzeichnis leider aus, wo doch das Original, das als Digitalisat problemlos zugänglich ist, eine Bildunterschrift setzt. Wermutstropfen in einem emotional starken Illustrationsteil. Das Vorwort, das der Verband der Wilnaer in Frankreich 1947 beigesteuert hat, spricht von gaystiger forzetsung des Text- und Notenteils. Dem kann man nur beipflichten. Bahelfers Grafiken reden. Auch darüber, was sich den Worten entzieht. Wohin sich wenden? Wer hört unsere Schreie, unseren gezang?
Schrift-, Notenbild des Originals, heute verwahrt im Yad-Vashem-Archiv Jerusalem, bringen die Herausgeber auf den Buchumschlagseiten als Faksimile; den jiddischen Titel übersetzen sie mit Lieder aus dem Wilnaer Ghetto. Letzteres ist natürlich nicht verkehrt, erscheint andererseits aber auch nicht unproblematisch, selbst wenn es zutrifft, dass die Ausdrücke Lid und Lider in der jiddischen Welt gang und gäbe gewesen sind. Zugleich ist nicht zu übersehen, dass solcherart Gedächtnisprotokoll-Literatur, entstanden unter dem Eindruck der Shoah, auf eine Rezeptionshaltung trifft, die von unseren sogenannten Liedermachern einerseits, von gleich mehreren, in West und Ost das Lied auf den Lippen tragenden Jugendbewegungen andererseits, geprägt worden ist, was die jüdisch-jiddische Symbolebene unbewusst mitbestimmt, wenn nicht verzerrend überschreibt. Man erinnert sich, nicht ohne Scham, an die einschlägigen Beispiele aus einer Zeit selbstverschuldeter Infantilität, kollektiven Kannitverstans. Was es da nicht alles gab! Eine geschichtsvergessene Schlager-Peinlichkeit wie der Leandros-Titel Theo, wir fahr’n nach Lódz und, nicht, zu vergessen, das Lied von den Moorsoldaten, das seine Karriere überhaupt erst, via Mundorgel, den klampfenbegleiteten Singekreisen verdankt hat.
Was die Herausgeber von Dos gezang fun vilner geto angeht, so sprechen sie, ohne den Kontext zu nennen, von „singbaren Übertragungen”, lassen freilich offen, an welche Adressatenkreise sie mit ihrer zweisprachig aufwartenden Publikation denken, wie sie sich eine ideale Rezeption ihres Bandes vorstellen, der mit ausführlichen Informationen, mit einem Literaturverzeichnis, mit biografischen Notizen zu den Autoren, mit Fotografien, Karten, mit Hinweisen auf Links, auf QR-Codes zum An- und Nachhören, überreichlich gespickt ist und der im Hauptteil 37 „Lieder mit Übertragungen und Anmerkungen” bringt. Soviel ist klar: Der vorliegende Band ist, ab sofort, grundlegende Voraussetzung für jedes künftige Studium dieser Welt, die mit Lidern gegen ihren Untergang angekämpft hat.
Für den Rezensenten bleibt es eine Frage, ob man, was unter Todesdrohung entstand, tatsächlich im Deutschen als Lied präsentieren sollte. Warum es nicht Gesänge oder vielleicht noch besser: Gesang heißen durfte, womit immerhin ein Kunstkontext definiert, für die Rezeption eine gewisse Hürde aufgerichtet worden wäre, wird nicht weiter erklärt. Auch nicht, weshalb die Notensätze, in eindeutiger Abweichung vom Original, mit Akkordsymbolen versehen sind, was, wie die Praxis von Harmonisierungen orientalischer Musikkulturen zeigen, zu schrecklichen Banalisierungen geführt hat.
Es ist der Schmerz, die Verzweiflung, die diese Lieder/Gesänge hervorgebracht hat, was den Herausgebern natürlich nur allzu bewusst ist, wenn sie im Erläuterungstext zu Du geto mayn! über die Autorin ausführen: „Rikle Glezer, 1923 in Wilna geboren, hat unter ständiger Lebensgefahr im Ghetto angefangen, Lieder über Alltagsthemen zu schreiben. Als Partisanin hat sie sich dann in den Wald durchgeschlagen.” (S. 103) Das ist der Kontext. Und das ist die Voraussetzung, unter der die Herausgeber ihre jahrelange Recherche aufgenommen und mit diesem Band abgeschlossen haben, der jetzt so vornehm dasteht. Mit Prächtigkeit reagieren auf Niedertracht, Gleichgültigkeit beantworten mit Sorgfalt, gegen das Verstummenmachen das Licht des Dokumentarischen setzen, gegen das Verschweigenwollen die umfassende Recherche – es ist das Editionsprinzip dieses Bandes, für das es Tugenden benötigt hat, die im Verlagsalltagsgeschäft ausgestorben scheinen, die in solcher Melange vorzugsweise bei Hentrich & Hentrich begegnen: Passion, Geneigtheit und Verpflichtung, Kenntnis, Treue. Man muss gratulieren. Und doch sind die tiefen Kerben, die das alles geschlagen hat, im Buch sichtbar.
Da ist das Kaczerginski-Originalvorwort aus dem Jahr 1947, aus einer Zeit, in der alles noch präsent ist, wo die Wunden noch bluten. Kaczerginskis Ton ist direkt, ist klar. Er nennt die Dinge beim Namen, redet von der daytshe okupatsye, der deutschen Besatzung, konntotiert das Wort merder, Mörder, mit den daytshen. Ein Punkt, in dem die Herausgeber schwanken. Obwohl sie Kaczerginskis Vokabular prinzipiell teilen, erscheinen bei ihnen doch auch die „deutschen Nationalsozialisten”, was in diesem Zusammenhang fast wie eine Distanzierungsformel anmutet: die Hölle, das waren die anderen. Und was schließlich die Frage der Adressaten angeht, so war für Kaczerginski die Antwort auch darauf ganz klar: „Der Gesang des Wilnaer Ghettos war gleichzeitig der Gesang des jüdischen Volkes unter der Besatzung. Deswegen ist die vorliegende, einzigartige Sammlung unserer Meinung nach nicht nur für die Wilnaer Juden, sondern für alle jüdischen Leser und Sänger bestimmt.” (S. 21) Von der Universalisierung der Erinnerung, die das Erinnern in ritualisierten Austreibungsinszenierungen ihres Ernstes beraubt hat, indem sie “Erinnerungskultur” geworden ist – davon konnte sich Kaczerginski noch keine Vorstellung machen.
Georg Beck
Düsseldorf, 27.06.2025