Leo Kestenberg. Gesammelte Schriften (2,2 u. 4) [Peter Sühring]

Leo Kestenberg. Aufsätze und vermischte Schriften. Texte aus der Prager und Tel Aviver Zeit (1933–1962) / Hrsg. von Ulrich Mahlert – Freiburg: Rombach, 2013. – 410 S.: Abb. (Gesammelte Schriften ; 2,2)
ISBN 978-3-7930-9710-5) : € 62,00 (geb.)
Leo Kestenberg. Dokumente zur Reform des Preußischen Musikwesens. Amtliche Bestimmungen und Erlasse / Hrsg. von Wilfried Gruhn – Freiburg: Rombach, 2013. – 271 S.: Abb. (Gesammelte Schriften ; 4)
ISBN 978-3-7930-9739-6) : € 62,00 (geb.)

Hiermit kann der erfolg- und ertragreiche, lobenswerte Abschluss der Herausgabe von Leo Kestenbergs Gesammelten Schriften angezeigt werden. Wider Erwarten können die beiden letzten Bände mit neuen interessanten Aspekten aufwarten, die man bisher nur rudimentär, quasi vom Hörensagen, bestenfalls zitatweise kannte.

Es geht zunächst im Band 2,2 um die späteren Jahre des Exils in Prag und nach Palästina, welches sich als gelobtes Land zu Kestenbergs zweiter israelischer Heimat entwickeln sollte. Man staunt über Kestenbergs Fähigkeit, unverbrüchliche Konstanten seiner Welt- und Musikanschauung mit aktuellen nationalen, kulturellen und politischen Gegebenheiten seiner tschechoslowakischen und später israelischen Umgebung zu verknüpfen. Die Konstanten sind bekannt: eine bis an die Grenze totalitärer Vorstellungen gehende Befürwortung und administrative Ausarbeitung einer positiven Rolle des Staates bei der offiziellen sowie der privaten Musikausbildung, die ihren Ausgangspunkt in einer fragwürdigen Aktualisierung des Musikkapitels in Platons Schrift vom Staat hat und in einer philosophisch und kulturgeschichtlich begründeten Verherrlichung und Ausdifferenzierung eines sozialdemokratischen Etatismus, der vom Kindergarten bis zur Universität, von der Hausmusik bis zum Opernhaus alles fein humanistisch geregelt haben möchte. Ohne den bei Kestenberg trotz alledem ausgeprägten Schuss Liberalität, der ein Gewährenlassen auch unterschiedlicher Musikauffassungen und -praktiken garantiert, wäre das eine ziemlich grauenerregende Ideologie. Glücklicherweise dringt bei Kestenberg der künstlerische Impuls des Musikers, der einer phantasievollen Musikpraxis genügend Freiräume lässt, immer wieder durch und gewinnt zeitweilig die Oberhand. Von dieser in seiner israelischen Zeit sich wieder ins (Kunst-)Religiöse wendenden Haltung hatte man bisher nur eine blasse Vorstellung.
Zunächst gelingt es Kestenberg, quasi auf dem Boden seiner böhmischen Heimat – er war 1882 im slowakischen Rosenberg (Rózshahegy) geboren worden und hatte seine Kindheit und Jugend in Prag und dem nordböhmischen Reichenberg (Liberec) verbracht) – seine alteuropäischen, weniger auf das Individuum als auf die Gemeinschaft bezogenen Grundvorstellungen mit denen der tschechischen Traditionen zu verbinden und besonders an die von dem tschechischen Philosophen und Präsidenten der CSR, Masaryk, aktualisierten Ideen des humanistischen Reformpädagogen Comenius (Komenský) anzuknüpfen, sowie an der volksverbundenen Musiktradition der egalitären Böhmischen Brüder. Trotz der Enttäuschung über den für ihn unerklärlichen Sieg der Nationalsozialisten in Deutschland hält er an seinen durchaus übernationalen, aber nicht minder volksgemeinschaftlichen Idealen fest. Gleich seine ersten Grundsatzartikel in deutschsprachigen tschechischen Zeitschriften in Vorbereitung der von ihm geförderten Gründung einer Internationalen Gesellschaft für Musikerziehung machen das deutlich. Die von ihm propagierte, von Schiller und Beethoven herrührende „Erziehung zur Menschlichkeit durch und mit Musik“ blieb seine oberste Maxime: Eine Vorstellung, die angesichts eines von Krieg und Vernichtung, geprägten 20. Jahrhunderts, durch und mit musikbegeisterte(n) Menschen vollbracht, seltsam berühren mag. Man ist nicht ganz sicher, ob es schon ein in sich perverses oder nur der Perversion offenes Ideal ist.
Auch seine späten Jahre in Tel Aviv (zunächst im britischen Mandatsgebiet Palästina mit der Leitung des aus Emigranten gebildeten Palestine Orchestra beschäftigt, dann als Musikpädagoge und Leiter des Musiklehrer-Seminars nach der Gründung des Staates Israel) bleiben in dieser Hinsicht ambivalent. Er versucht eine Neukonstitution nationaljüdischer Musik durch eine Abkehr von den Traditionen der west- und osteuropäischen jüdischen Musikkultur der Diaspora und einen Rekurs auf altorientalische Tonleitern und Harmonien, eine in den 50er und 60er Jahren gängige, von ihm verbreitete zionistische Ideologie. Andererseits gewinnt seine Erinnerung an die hochkulturellen Traditionen Europas von Bach bis Busoni, die er in einem resümierenden, 585 Strophen umfassenden Lehrgedicht „Meine Klavierstunde“ darzustellen sucht, immer größeres Gewicht. Die poetische Bedeutung dieser versifizierten und gereimten pädagogischen Prosa mag gering sein, aber die weltanschauliche Substanz (man könnte auch sagen der Ballast) ist enorm. Viele seiner alten deutschen, Prager und israelischen Freunde und Schüler, unter ihnen der Schriftsteller Max Brod, der Pianist Menahem Pressler und die Tel Aviver Musikwissenschaftlerin Judith Cohen, finden die dort niedergelegten Anschauungen authentisch.
Wie weit uns die ideengeschichtlichen und kulturpolitischen Hintergründe der Kestenbergschen Ansichten inzwischen entfernt liegen, machen die notwendig scheinenden umfangreichen Kommentare des Herausgebers in Form von Fußnoten und „Editorischen Anmerkungen“ deutlich, die zum Teil instruktiv, zum Teil durch eine gewisse Überinterpretation eher verwirrend sind.

Den sozusagen amtlichen Teil der Schriften von Kestenberg enthält der abschließende Band 4. In ihm sind die von Kestenberg veranlassten, mitformulierten oder redigierten Dokumente der Preußischen Kultusverwaltung bis 1932 gesammelt, die den Kern der Preußischen Schulmusikreform oder der so genannten Kestenberg-Reform in der 1920er Jahren bilden und die Kestenberg als Musikreferent und Ministerialrat bewirkte. Sie umreißen einerseits den unumgänglichen Rahmenplan und die Bedingungen jeglicher sinnvollen Musikerziehung, andererseits demonstrieren sie die ziemlich detaillierten Festlegungen in Form von Unterrichts-Richtlinien, Lehrplänen und Prüfungsordnungen. Sie verdeutlichen, was einmal europäische Musikbildung mit ihrer enormen Stofffülle war oder hätte sein sollen. Sie offenbaren den Glauben an einen staatlich garantierten und organisierten Bildungskanon, der speziell die Musik und ihre Geschichte zu einer verfügbaren Stoffmasse umbildet, die vor allem an höheren Schulen gelernt und gelehrt werden konnte resp. werden sollte. Man konstatiert ideelle Verbindungen zur Jugendbewegung und zur Reformpädagogik der Freien Schulgemeinden. Trotz aller Appelle an die schöpferische Phantasie erscheint ihre affirmative Berufung auf angeblich bewährte Kulturgüter und auf positiv ausstrahlende Erziehungsgegenstände musikalischer Art insofern illusionär als sie der Musik im Allgemeinen und den bedeutenden Werken großer Meister im Besonderen eine die Menschen läuternde, ethische Kraft zuspricht. Aber auch davon, dass die Musikbildung in Deutschland in einer Gefahr und Krise sei, ist die Rede. Prüfsteine waren die Jahre 1933 und 1939, die das Versagen des seit 1848 gerade in ideeller und moralischer Hinsicht schwächelnden deutschen Bürgertums offenbarten. An zu wenig Musik kann es nicht gelegen haben. Schon vor dem Ersten Weltkrieg ertrank Deutschland in Musik, und sie quoll aus jedem Volksempfänger des „Dritten Reichs“, von heute ganz zu schweigen. An einer vom Herausgeber für unsere Zeit und für die Zukunft unterstellten oder wünschenswerten fruchtbaren Kraft dieser Dokumente ist zu zweifeln.

Peter Sühring
Berlin, 25.01.2014

 

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